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Das Wort "Talmud" kommt aus dem Hebräischen und bedeutet wörtlich soviel wie "Studium" oder "Lehre". Er wird manchmal auch "Shisha Sedarim" (sechs Ordnungen ) genannt. Dies nimmt Bezug auf die sechs Ordnungen der Mischna.
Für alle praktischen Angelegenheiten ist der Talmud das wichtigste jüdische Gesetzeswerk. Man könnte meinen, dies sollte eigentlich die Tora sein, aber die Tora zählt die Regeln nur auf. Die Tora sagt sehr wenig darüber, wie man sie befolgen und auf verschiedene Umstände anwenden kann. Genau dafür ist der Talmud da. Auch wenn es sich beim Talmud nicht um einen Gesetzestext handelt, finden sich hier Quellen, die benutzt werden, um alle Angelegenheiten von Halacha (jüdisches Gesetz) zu entscheiden.

Die Ursprünge des Talmud liegen in der Zeit nach dem ersten Jüdischen Krieg, als im Lehrhaus von Jawne mit der schriftlichen Fixierung der außerbiblischen mündlichen Überlieferungen, Gesetze und Sitten begonnen wurde. Mit der Zerstörung des Ersten Tempels gingen viele Schriftstücke verloren, deshalb galt es also, Augenzeugen zu befragen, um das Brauchtum weiterleben zu lassen. Der Grundstein für die Mischna war gelegt.

Der Talmud besteht aus der Mischna und der Gemara.
Das hebräische Verb "shanah" bedeutet wörtlich "zu wiederholen" und wird mit der Bedeutung "zu lehren" benutzt. Der Begriff Mischna meint im Grunde das gesamte jüdische Gesetz, wie es sich bis zum Jahr 200 entwickelt hat.
Mischna ist die mündliche Überlieferung, die angeblich auf Moses und die Propheten zurückgeht. Die Mischna ist Grundsatz für jüdisches Leben. In ihr werden einige verschiedene Lebensarten erklärt (z.B. Ehe / Familiengesetz- gebung, Zivil / Strafrecht, Gesetze zur Landwirtschaft und Vorschriften zu Festtagen und Feiern). Sie ist Grundlage des Talmuds.

Die Mischna ist in sechs Ordnungen (Sedarim) eingeteilt und umfasst 63 Traktate (religiöse Flugschriften -> Abhandlungen). Die Traktate sind unterteilt in Kapitel und Lehrsätze:
I. Seraim (Saaten) -> Vorschriften zur Landwirtschaft
II. Moed (Festzeit) -> Gebete und Gesetze zu Fest- und Feiertagen
III. Naschim (Frauen) -> Ehe- und Familiengesetzgebung
IV. Nesikin (Schädigung) -> Zivil- und Strafrecht
V. Kodaschim (Heilige Dinge) -> Opfer- und Schlachtbestimmungen
VI. Toharot (Taugliche Dinge) -> vielgestaltige Reinheitsbestimmungen

Die Gemara ist der eigentliche Inhalt des Talmud, der den Mischnatext erläutert. Das kurz "Gemara" bedeutet Hinzufügung. Sie enthält den Gesetzeskodex und Kommentare zur Mischna.
Es gibt zwei Gemarot, obwohl es nur eine Mischna gibt. Beide wurden über Jahrhunderte von vielen Rabbinern entwickelt. Eine Gemara wurde in Israel entwickelt und wird Yerushalmi genannt und die andere Gemara, in Babylonien entwickelt, wird Bavli genannt. Die Gemara wird niemals für sich gedruckt, sondern immer zusammen mit der Mischna.

Der Jerusalemer Talmud hat viele Namen. Er ist nämlich auch bekannt als der Palästinische Talmud, Talmud Eretz Israel (Talmud des Landes Israel) und Gemara Eretz Israel.
Der Jerusalemer Talmud ist die Mischna zuzüglich der Jerusalemer Gemara. Es ist interessant, dass er heute größere Mengen von Material vermissen lässt. Es finden sich darin nur Kommentare für die ersten vier Ordnungen der Mischna. Alles andere ist irgendwie in der Geschichte verloren gegangen. Die Gemara des Jerusalemer Talmud ist ebenso nicht vorhanden für die Traktate Avot und Eduyot, Teile von Toharot sowie weiterer Sektionen. Trotz intensiver Forschung ist es immer noch unklar, warum dieses Material in der endgültigen Redaktion des Jerusalemer Talmud nicht enthalten ist.

Der Babylonische Talmud besteht aus der Mischna und der babylonischen Gemara. Er ist wesentlich umfangreicher als der Jerusalemer Talmud, und auch seine Redaktion geschah wesentlich sorgfältiger und genauer. Trotzdem ist er unvollständig. Seine Gemara existiert nur für 37 von 63 Traktaten der Mischna.
Die üblichen Druckausgaben umfassen die vollständige Mischna, die 37 Gemerot und die kleinen Traktate. Es ergeben sich 5894 Seiten.
Der Gesamtcharakter des babylonischen Talmud ist der einer Enzyklopädie.

Rabbi Adin Steinsaltz schrieb:
" Der Talmud ist die Quelle jüdischer Weisheit von Tausenden von Jahren. Das mündliche Gesetz, das so alt und so bedeutsam wie das schriftliche Gesetz (Tora) ist, findet hier Ausdruck. Es ist ein Konglomerat von Gesetz, Legende und Philosophie, eine Mischung einzigartiger Logik, cleverem Pragmatismus, Geschichte und Wissenschaft, Anekdote und Humor."

Äußere Textgestalt der Druckausgaben des Babylonischen Talmud:
In den Jahren 1520 bis 1523 hat der christliche Buchdrucker Daniel Bomberg die erste Gesamtausgabe des babylonischen Talmud hergestellt. Seine Ausgabe hat das Druckbild des Talmud für alle Zeit fixiert.

Der großgedruckte Text in der Mitte des Blattes ist der eigentliche Talmudtext, d.h. die Mischna und ihre Diskussion, die Gemara, die den oberen Teil des Blattes beherrscht und nach 13,5 Zeilen Mischna wieder einsetzt. Umschlossen sind Mischna und Gemara durch die Kommentare von Rabbi Schlomo ben Jizhak (Raschi).

Als äußere Schicht stehen die Kommentare der Tosaphisten (Raschis Schwiegersöhne und Enkel). Am Rande befinden sich Anmerkungen, Verweise auf Parallelstellen in anderen Talmud-Traktaten und in der Bibel sowie neuzeitliche Kommentare.

Inhaltlich unterscheidet man zwischen der Halacha, den religiösen Gesetzestext, die Entscheidungen der Gelehrten zu gesetzlichen Fragen enthält, und eher streng und formalistisch ist und der Haggada, den erbaulichen Text, die Legenden, Anekdoten und Aussprüche zur Veranschaulichung der traditionellen Gesetze umfasst, und die Gemara kennzeichnet.

verfasst von: Juliane Myja

Faksimile einer Talmudseite - Im Inneren der Seite finden sich Mischna und Gemara, in kleinerer Schrift rechts und links der Talmud-Kommentar von Raschi (Rabbi Schlomo ben Isaac, 1040-1105).


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