Stefan Zweig

Biographisches

Stefan Zweig wurde am 28.11.1881 in Wien geboren. Seine Bücher wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Er richtete seine Werke hauptsächlich an die aufsteigende Mittelschicht. Die Kleinbürger konnten sich bei ihm mit historisch bedeutsamen Personen identifizieren. Ein beliebtes Mittel hierfür waren Biographien. Stefan Zweig war vielseitig und sehr produktiv. Er schrieb Gedichte, Feuilletons, Übersetzungen, Erzählungen, Novellen, einen vollendeten und zwei unvollendete Romane, Biographien, Monographien, Essays, Dramen und Legenden, ein Libretto und ca. 20000-30000 Briefe.

Zweigs Großvater war Geschäftsmann in Mähren. Er entfernte sich vom orthodoxen Judentum und suchte Anschluss an das deutsche Großbürgertum. Sein Vater Moritz eröffnete eine kleine Weberei in Nordböhmen, die sich zu einem der bedeutendsten Textilunternehmen in Österreich entwickelte. Seine Mutter stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie, die seit 1774 in einem jüdischen Getto lebte. Somit musste sich Stefan Zweig nie Sorgen um seinen materiellen Wohlstand machen.

Schon in seiner Schulzeit interessierte sich der junge Zweig für Literatur, Theater, Musik und Kultur. Sein erstes großes Vorbild war Hugo von Hofmannstahl. Er war gerade 7 Jahre älter und stellte die Idealvorstellung für einen jungen Künstler dar. Zweigs hervorstechende Charaktereigenschaften waren Toleranz und Akzeptanz anderer Weltanschauungen und Ideen. Trotzdem schrieb er nie politisch und war konsequent pazifistisch eingestellt. Aber er hatte auch Schwächen in seiner Weltanschauung. Zweig hatte keinen Blick für Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und den immer größer werdenden Klassenunterschieden. Bereits als Gymnasiast schrieb Zweig Gedichte und wurde durch die Bekanntschaft mit Theodor Herzl in die literarische Elite aufgenommen. Er schrieb nun für die Wiener Zeitschrift "Neue Freie Presse". Sein Berufswunsch stand bald schon fest. Er wollte Schriftsteller werden. Da die Zweigs eine für diese Zeit "typische" jüdische Familie war, begrüßten sie diese Entscheidung. Für sie war der Reichtum nur Mittel zum Zweck. Ihr eigentliches Ziel war der Aufstieg in die geistigen Berufe.

Herzl war für Stefan Zweig eine Art Mentor. Er trat für die jüdische Sache ein und forderte einen eigenen Judenstaat (Zionismus). Zweig stimmte mit dieser Ansicht nicht überein. Er glaubte, dass die politischen und ideellen Differenzen nicht durch die gemeinsame Kultur überwunden werden könnten.

Er zog von Wien nach Berlin und machte dort Bekanntschaft mit Leuten aus allen Gesellschaftsschichten. Er träumte von einem künstlerisch geeinten Europa. Als Zeichen für dieses Europa schrieb er unzählige Übersetzungen. 1904 beendete er sein Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften und begann seine zahlreichen Reisen. 1912 lernte er wiederum in Wien seine zukünftige Frau Friederike kennen. Zwei Jahre später, auf einer Belgienreise, überraschte ihn der Ausbruch des 1. Weltkrieges. Nun begann Zweig an seinem Traum zu zweifeln. Er leistete seinen Wehrdienst in einem Kriegsarchiv in Wien.
1917 erschien sein erstes Schlüsselwerk in Bezug auf seine jüdische Kultur. Das Drama "Jeremias" handelt von dem Krieg der Juden gegen Nebukadnezar und die darauf folgende Diaspora. Die Diaspora ist für Zweig Glück und Unglück in einem. Das Glück besteht in einer Art Chance, die in einem Judenstaat vergeben wäre. Das Drama hat engen Bezug zu der gegenwärtigen Situation in Europa. Zweig leugnete nie seine jüdischen Wurzeln. Er akzeptiere es, obwohl er ohne jede religiöse Erziehung aufwuchs. Zweig ging seinen Verpflichtungen als Jude nach. Er war der Auffassung, dass die Juden nicht durch einen Staat, sondern durch den Geist vereint wären. Weil sie Weltbürger sind, widerspräche der jüdische Nationalismus ihrer eigentlichen historischen Bestimmung.
1919, nach dem Krieg, kehrte Zweig aus seinem Schweizer Aufenthalt nach Österreich zurück. Die Zeit zwischen 1920 und 1933 war seine kreativste und produktivste . Er unternahm viele Reisen nach Frankreich, Russland, Belgien und zahlreiche andere Staaten.

1933 ergriffen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland und veranstalten öffentliche Bücherverbrennungen. Auch Zweigs Bücher befanden sich darunter. Sein Haus in Österreich wurde nach Waffen untersucht. Daraufhin war Zweig so empört, dass er endgültig nach London auswanderte. Hier half er bedrohten Juden in Deutschland und besorgte ihnen Arbeit und Aufenthaltsgenehmigungen. Zweigs unpolitische und pazifistische Haltung brachten ihn zu der Überzeugung, dass dem Faschismus nur mit literarischer Leistung und nicht mit tagespolitischer Auseinandersetzung beizukommen sei. Der nächste harte Schlag folgte rasch. Sein jahrelanger Verleger Kippenberg bekannte sich zu seiner antisemitischen Haltung und somit konnten Zweigs Bücher nicht mehr im Insel Verlag erscheinen.

1937 schrieb er sein zweites Schlüsselwerk. Dies unterschied jedoch gewaltig von seinem "Jeremias". "Der begrabene Leuchter spielt im 5./6.Jahrhundert und ist eine Annäherung an die Zionisten. In Anbetracht der Judenverfolgung in Deutschland ändert Zweig seine Meinung grundlegend. Zweig gibt zu verstehen, dass er sich seinem Volk eng verbunden fühlt und drückt seine Hoffnung aus, dass das jüdische Volk nach der Diaspora in das heilige Land zurückkehren kann.

In den folgenden Jahren floh Zweig, nach den Erfolgen Hitlers, nach Südamerika. Er fand in Brasilien ein neues zu hause. Die Nachrichten über Hitlers Siege deprimierten ihn und er sah keine Hoffnung mehr. Auf Grund der vielen Reisen, die er durch seine Flucht notgedrungen unternehmen musste, wurde Zweig müde und hatte keine Kraft eine neue Existenz in Brasilien aufzubauen. Am 23.2.1942 tötete sich Stefan Zweig gemeinsam mit seiner neuen Frau Lotte durch die Einnahme eines Giftes.

verfasst von: Jan Geßner


Der Jude Zweig

Stefan Zweig hatte ein stets ambivalentes Verhältnis zu seiner Religion. Er scheint keine große Bindung zu ihr zu haben. Diese Einstellung wurde zum Teil durch seine Eltern herbeigeführt: Der Vater, ein reicher Geschäftsmann, ist der Nachfahre von Exiljuden, somit hatte er bereits eine fortschrittliche Auffassung von Judentum. Außerdem waren die Eltern sehr europäisch beeinflusst; die Mutter kümmerte sich um Mode, der Vater war mit seiner Arbeit beschäftigt, beide gehörten der oberen Mittelklasse an. Die Religion rückte also in den Hintergrund, die Zweigs hatten weitgehend ihre jüdischen Charakteristika verloren.


Stefan Zweig Anfang der zwanziger Jahre

Als Stefan Zweig 1941 zu einer Toralesung zu Yom Kippur aufgefordert wurde, lehnte er mit der Begründung ab, dass er "sehr lax in Dingen des Glaubens erzogen wurde". Die Bemerkung Donald A. Praters in seiner Biografie "Stefan Zweig", "Im größten Teil seines Lebens hat Stefan Zweig seinem Judentum nur untergeordnete Bedeutung beigemessen, und seine österreichische Nationalität ist kaum mehr als eine administrative Formalität gewesen. Seine Familie war weder religiös noch nationalistisch. Für niemanden konnte Europa leichter Glaube und Verstand werden", zeigt Zweig als Europäer. Eine seiner Lebensaufgaben war schließlich auch der Aufbau einer geistigen Einheit Europas.
Aber andererseits erkannte er in seiner Lebensgeschichte das historische Schicksal des Judentums, das "Unterliegen unter der Gewalt" wieder: Das Hin- und Hergetriebensein zwischen den Mächten und Gewalten, die faktische Heimatlosigkeit, die erzwungene Wanderexistenz zeigte sich besonders in seinen zahlreichen Reisen, in seinem stetigen Fernweh, in der Suche nach Abstand von Familie und Alltag und in der Flucht vor den Nationalsozialisten. Das letztere hat dazu geführt, dass er sich seines jüdischen Erbes mit der Zeit mehr und mehr bewusst geworden ist.


Das Drama "Jeremias"

Bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland führte sein Drama "Jeremias", das 1918 in Zürich uraufgeführt wird, zu einer tieferen Beschäftigung mit seiner Religion. Die Tragödie, die er kurz nach seiner Militärerfahrung während des 1. Weltkriegs als Dienstleistender im Kriegsarchiv schrieb, hat eine Begebenheit aus der antiken jüdischen Geschichte zum Inhalt: Der Prophet Jeremias warnt in Jerusalem vor dem Krieg mit dem babylonischen Herrscher Nebukadnezar. Doch niemand glaubt ihm, man hält ihn für einen Verräter.

Diese Parabel über Hochmut, Kriegseuphorie und -jammer nach eingetretener Katastrophe zeigt die pazifistische Einstellung, die der Autor von seinem Freund Romain Rolland übernommen hat. Jedoch ist das Drama nicht primär pazifistisch orientiert, sondern stellt "die seelische Superiorität des Besiegten" dar. Das heißt er will beschreiben, "dass derjenige, der als der Schwache, der Ängstliche in der Zeit der Begeisterung verachtet wird, in der Stunde der Niederlage sich meist als der einzige erweist, der sie nicht nur erträgt, sondern sie bemeistert."

Im Jeremias entdeckte Zweig nun seine jüdischen Wurzeln, das jüdische Volk bezeichnete er als "sein Volk" und was er an ihm bewunderte war, dass es das "Unterliegen unter der Gewalt bejaht und sogar als einen Weg zu Gott gesegnet" hat.
Die Arbeit am "Jeremias" hat für den Stefan Zweig der Jahre 1916 und 1917 durchaus auch eine therapeutische Komponente: "Von dem Augenblicke, da ich versuchte, sie zu gestalten, litt ich nicht mehr so schwer an der Tragödie der Zeit." Für ihn ist es ein Werk des Exorzismus, der Katharsis, es war ein Bekenntnis zu den Schicksalen in seinem Leben.


Weitere Werke

Unter dem Einfluss Hofmannsthals schrieb Zweig früh Gedichte ("Silberne Saiten", 1901). Seine ersten Novellen erschienen 1904. Weitere Novellenbände ("Brennendes Geheimnis", 1911," Amok", 1922) folgten. Diese und auch seine großen Biographien ("Romain Rolland", 1921, "Joseph Fouché", 1929, "Maria Stuart", 1935," Magellan", 1938," Balzac", postum 1946) machten ihn weltberühmt. Sein letztes Werk, die "Schachnovelle" (1941) wird heute häufig sogar an Gymnasien im Deutschunterricht behandelt.

Stefan Zweig war durch Übersetzungen im Ausland mindestens ebenso populär geworden wie in den deutschsprachigen Ländern. Er hatte mit Verlegern, nicht nur als Autor, sondern auch als beratender Freund zusammengearbeitet und beispielsweise vor dem Ersten Weltkrieg mit der Inselbücherei eine der schönsten und beständigsten deutschen Buchserien angeregt, die sein Verleger Anton Kippenberg begründete. In der Emigration war er einer der wenigen, die sowohl über finanzielle Mittel wie einflussreiche Bekannte verfügten. Er half, wo immer er konnte, andere mit Visen oder Affidavits in die Emigration zu retten. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, das ihn befähigte, seine historischen Biographien zu schreiben, bewährte sich auch im praktischen Handeln. Schriftstellern wie Joseph Roth und Ernst Weiß beispielsweise zahlte er mit monatlichen Renten ihren Lebensunterhalt. Sein Briefwechsel aus den Jahren der Emigration belegt die immer neuen Versuche zu helfen, wo immer es nötig war.
Von all diesen unvergesslichen Leistungen des großen jüdischen Dichters schweigt er in seiner Autobiografie aus dem Jahr 1942 die "Welt von Gestern".

verfasst von: Julius Erdmann

Quellennachweis:
Donald A. Prater, "Stefan Zweig - Eine Biografie", Rowohlt-Verlag
Friedrich Hobek, "Erläuterungen zu Stefan Zweig - Die Schachnovelle", Königs Erläuterungen und Materialien, Band 384, C. Bange Verlag


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