Exkursion nach Auschwitz (2000)

Die Hölle auf Erden, die den Namen Auschwitz trug

Was war Auschwitz und was ist Auschwitz ?

AUSCHWITZ

steine schreien dich an
blutgetränkt
spüren touristenkrepp statt rauhem Holz
nun schon seit zwei Jahrzehnten

bäume tragen Blätter
vögel singen
der süße Rauch vetrieb sie einst
wie alles leben

und du gehst dort wo das grauen ging
und fühlst an dem voltosen draht

und nichts begreifst du
nichts

doch die bäume tragen wieder blätter
und die Vögel singen wieder


Bernd-Lutz Lange

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Ziemlich genau 55 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, in einer Zeit, geprägt von heftigen Diskussionen um die Entschädigung von Zwangsarbeitern, in einer Zeit, in der Rechtsradikalismus verstärkt wieder beängstigende Formen annimmt, in einer Zeit, in welcher Ausländerfeindlichkeit und -hass alltäglich sind, begab sich eine Gruppe des Döbelner Lessing-Gymnasiums auf eine Reise, die das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte noch einmal und hoffentlich nicht letztmalig vergegenwärtigen sollte. Sie wollten selbst einen Eindruck gewinnen, was Auschwitz war und welches Bild von Auschwitz sich dem Besucher der hoffentlich ewigen Gedenkstätte heute offenbart.

Im Zeitraum vom 21.02. bis 25.02. 2000 wollte sich eben diese Gruppe von Gymnasiasten an jenem Ort, der von 1940-1945 für Millionen Menschen weit mehr als die Hölle auf Erden bedeutete, mit den Auswirkungen der im Dritten Reich propagierten existenzvernichtenden Ideologie direkt auseinandersetzen. Die Reise sollte sie an den Ort führen, wo Qual, Todeskampf, Brutalität und Vernichtung von Menschenleben alltäglich waren und wo die Konfrontation mit der Massenvernichtung von unschuldigem Menschenleben in ekelerregendster Perversion unausweichlich und unumgehbar war . Jener Ort ist Oswiecim, zu deutsch Auschwitz.

Was es bedeutete als Häftling im KL von Auschwitz leben zu müssen und welche Situation jene bei ihrer Deportation in das Todeslager vorfanden, sollte in der kommenden Zeit ergründet werden.

Bereits am späten Abend des 21.02. 2000 sammelten einige Gruppenmitglieder schon erste Eindrücke von der Umgebung der "Internationalen Begegnungsstätte Oswiecim" und dieser selbst. Während der Durchfahrt durch die Stadt Auschwitz, vorbei an Stacheldrahtzäunen und Mauern des Stammlagers wurde die Stimmung im Bus merklich ruhiger und gespannter, obwohl nur grobe Umrisse aufgrund der nächtlichen Dunkelheit erkennbar waren. In der Jugendbegegnungsstätte angekommen, machte sich zunächst der allgemeine Wunsch nach Ruhe breit. Nach einer ausführlichen Einführung durch den gruppeneigenen Betreuer in die Räumlichkeiten des Hauses und der Kenntnis davon, daß in der hauseigenen Bibliothek und dem Videoraum die Möglichkeit bestand sich langsam der Problematik zu nähern, nutzten viele den Abend und durchaus auch die Nacht zum Lesen und zum Anschauen von Videodokumentationen.

Die vor Antritt der Reise in einer Gesprächsrunde stattgefundene Annäherung an jenes, was die Gruppe in Auschwitz erwarten würde, konnte nun durch Bücher und Videos komplettiert werden. Auch für Reiseteilnehmer, die bereits belesen waren, boten die Möglichkeiten in der Begegnungsstätte noch Neues und Unbekanntes, zumal unter der Auswahl von Büchern und Videoaufnahmen auch solche zu finden waren, die in keinem Buchverlag erschienen sind. Neben Originaldokumenten und unveröffentlichten Aufnahmen von der Befreiung des Lagers, dienten auch eindruckvolle Gedichtbände zur Information und gleichsam zur Vorbereitung auf die folgende, sicherlich nicht unproblematische Zeit.

Vorgesehen war ein "Besuch" des Stammlagers Auschwitz, die Auseinandersetzung mit der Massenvernichtung der Menschen in den Gaskammern von Birkenau und eine Stadtbesichtigung von Krakau.
Diese jeweils als Tagesexkursion geplanten Besichtigungen boten vielfältige Möglichkeiten sich mit dem Holocaust in vielschichtiger Art und Weise auseinander zusetzen. Aus all diesen fast zahllos erscheinenden visuellen und emotionalen Eindrücken, die der Gruppe an den jeweiligen Orten des Todes, aber auch des Lebens zu Teil werden sollten, konnte jeder individuelle Erfahrungen gewinnen und die für ihn bewegendsten, erschütternsten, schockierendsten Impressionen verinnerlichen.

Welchem Bild von Auschwitz und dessen Umgebung sich die Gruppe nun aber während der einzelnen Tagesexkursionen gegenübersah und welche individuellen Reaktionen auf die erfahrenen Eindrücke folgten, soll die spezifische Betrachtung der Tagesexkursionen veranschaulichen.

Dieser wird ein kurzer Abriss von Geschehnissen im KL Auschwitz von seiner Errichtung bis zu seiner Befreiung vorangestellt, um zunächst eine Vorstellung von der Dimension dieses Konzentrations- und Vernichtungslagers zu erhalten und um später die Gefühle und Gedanken der Gruppe leichter nachvollziehen zu können.


Auschwitz und seine Geschichte von 1940 - 1945

charakteristische, wichtige und datierbare Geschehnisse

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Im April 1940 gibt Himmler den Befehl die österreichischen Kasernen von Auschwitz umzugestalten, um daraus ein Lager zu errichten. Auschwitz war zu diesem Zeitpunkt bereits von der Wehrmacht besetzt, die Eingliederung ins 3. Reich war erfolgt und die Umbenennung des Ortes Oswiecim in Auschwitz war ebenfalls schon vollzogen worden.
Noch Ende April nahm Rudolf Höß seine Arbeit als Kommandant des Lagers in Auschwitz auf. Aus den ehemaligen österreichischen Kasernen sollte bald das Stammlager, auch als Auschwitz I bezeichnet, entstehen. Im Juni 1940 wurden erste Häftlinge hierher gebracht. Es waren polnische politische Gefangene. Schon in den Anfängen wurde die Richtlinie für die künftige Behandlung von Häftlingen in Auschwitz deutlich. Am 6.7.1940 mussten die Häftlinge aufgrund eines Fluchtversuches zur Strafe von 18 Uhr bis 14 Uhr des nächsten Tages auf dem Appellplatz stehen. Am 18.2.1941 erteilt Hermann Göring den Befehl alle Juden aus der Stadt Auschwitz auszusiedeln und diese bei Aufbauarbeiten den Lagers einzusetzen. Am 1.3.1940 befahl Höß den Ausbau des Lagers bis hin zu einer Aufnahmekapazität von 30.000 Menschen. Auf dem Gebiet von Birkenau, dem späteren Auschwitz II, sollte ein Lager errichtet werden, das fähig ist 100.000 Menschen aufzunehmen. Die Ansiedlung der Rüstungsindustrie in der Umgebung von Auschwitz findet erstmals Erwähnung.

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Im August 1941 wird Höß die Aufgabe die Massenvernichtung von Juden in Auschwitz zuteil. Man beginnt noch im selben Monat mir der Ermordung kranker, arbeitsunfähiger durch Giftinjektionen mittels Phenol. Am Abend des 3.9.1941 ist der erste Massenmord mittels Zyklon B bereits vollzogen. Am 8.10. ist der Beginn des Lagerbaus in Birkenau zu datieren, auf dessen Gelände bereits im November Massengräber angelegt werden, da das errichtete Krematorium nicht ausreicht. Zu viele Häftlinge sterben. Im Stammlager finden im November erste Hinrichtungen an der Todeswand, der Schwarzen Wand, zwischen Block 10 und 11 statt.

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Im Januar erste Vergasungen in Birkenau. Am 26.3. ist die Ankunft des ersten Frauentransportes datiert. 999 Frauen werden zu Häftlingen des Stammlagers und infolgedessen wird hier ein Frauenlager eingerichtet.
1.4. 28 645 Häftlinge wurden mittels eintätowierten Nummern registriert, wovon allerdings nahezu 16.000 umgekommen sind.
Am 4.5. wird in Birkenau die erste Selektion vorgenommen. Die Arbeitsunfähigen werden daraufhin unmittelbar vergast. Am 8.7. findet die erste öffentliche Hinrichtung statt. Zwei polnische Häftlinge werden gehenkt. Himmler inspiziert am 17.7.1942 die Selektionen in Auschwitz. Er lässt sich im Frauenlager die Prügelstrafe vorführen und befiehlt die Vernichtung arbeitsunfähiger Juden. Darüber hinaus verleiht er seiner Forderung nach dem schnelleren Ausbau von Birkenau und der Rüstungswerke Nachdruck. Die Verlegung des Frauenlagers aus dem Stammlager nach Birkenau wird am 16.8. vollzogen. Ende September sind 66.000 Männer und 21.000 Frauen als Häftlinge registriert. Am
1.10. und 2.10. fallen fast 6.000 jüdische Frauen den Selektionen zum Opfer.
Am 1.12.1942 befinden sich noch 30.623 Häftlinge im KL. Der 28.12. wird als Beginn der Sterilisationsexperimente an weiblichen Gefangenen durch Prof. Clauberg datiert.

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Ein unselektierter jüdischer Sammeltransport wird am 6.3. sofort ins Gas geschickt. 1.000 Juden finden den Tod. Am 8.3. 1943 wird die Verlegung eines Werkes der Krupp AG nach Auschwitz beschlossen. Im März 1943 sind schon 162.000 lebende und bereits vernichtete Häftlinge registriert.
6.6.: Die Werkmontage des Krupp-Werkes beginnt. Das Personal von Krupp verpflichtet sich schriftlich sämtliche Vorgänge im Lager Auschwitz geheim zu halten.
28.6.: Es erfolgt die Meldung, dass alle 5 Krematorien (davon 4 in Birkenau und eines im Stammlager) in Betrieb sind. Die Verbrennungskapazität in Birkenau beträgt täglich 4.416 Leichen. Im Stammlager können pro Tag 340 tote Menschen verbrannt werden.
Am 1.11.1943 werden der IG-Farben 488.949 Reichsmark für die Häftlingsarbeit in Rechnung gestellt.
Die Vergasung von 2.000 Jüdinnen im Frauenlager von Birkenau ist auf den 10.12. datiert.
Am 14.12. nimmt das Effektenlager seine Arbeit in unmittelbarer Nähe der Krematorien in Birkenau auf. 30 Baracken dienen als Effektenlager.
Im Dezember sterben in Birkenau über 8.000 Frauen. Circa 4.000 wurden ins Gas geschickt.
Bis Silvester 1943 wurden 264.070 Häftlinge registriert.

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Am 7.10.1944 setzen Häftlinge das Krematorium IV in Brand. Drei SS-Männer werden erschlagen, die Drahtzäune werden zerschnitten und die Häftlinge flüchten. Wenige Stunden später werden sie allerdings ergriffen und erschossen. Am 27.10 wird eine Flucht von Partisanen aus Auschwitz organisiert. Diese wird allerdings durch einen SS- Mann, der seine Hilfe zunächst zusagte, verraten. Den Geflüchteten wurde die Bunkerstrafe zuteil. Am 2.11.1944 werden die Vergasungen in Auschwitz gänzlich eingestellt. Auch Selektionen werden nicht mehr vorgenommen. 26.11.: Himmler ordnet die Zerstörung der Gaskammern und Krematorien an. Am 30.12. werden die Partisanen, die drei Tage zuvor einen Fluchtversuch wagten, im Stammlager gehenkt.

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Am 6.1.1945 werden bei der letzten Hinrichtung in Auschwitz vier Mädchen erhängt.
Die Evakuierung von Auschwitz und die aller Nebenlager wird am 17.1. befohlen. Beim letzten Appell werden 66.020 Häftlinge gezählt, die in Kolonnen nun die sogenannten Todesmärsche antreten müssen.
27.1.1945 Befreiung von Auschwitz durch die russische Armee. Diese findet 5.000 kranke und marschunfähige lebende Häftlinge, neben einer Unmenge an Toten. Bis zur Befreiung hatten die Nazis das Stammlager (Auschwitz I), das Lager in Birkenau (Auschwitz II), Auschwitz Monowitz (Auschwitz III) und einige andere kleinere Nebenlager errichtet.

Bis zur Befreiung ist 377 Häftlingen gelungen erfolgreich zu fliehen. Insgesamt 747 Häftlinge wagten die Flucht.


Elektrische Stacheldrahtzäune


Betrachtung der Tagesexkursionen

22. Februar 2000 - Das Stammlager Auschwitz -
Am Morgen des 22.2. 2000 brachen wir von der Jugendbegegnungsstätte sehr früh in Richtung Stammlager auf und erreichten dieses nach circa 20 Minuten Fußmarsch. Die meisten der Gruppenteilnehmer blickten diesem Tag sicherlich mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits herrschte eine gewisse Angespanntheit, da niemand so recht wusste, was uns erwarten würde, andererseits war fand sich bei allen die Bereitschaft sich mit der Problematik des Holocaust zu beschäftigen.


Viele von uns trugen ihre Gedanken und Bedenken, wie sie denn auf Gesehenes reagieren würden, nach außen, andere versanken in Nachdenklichkeit. Die während des Fußmarsches fortwährenden Gespräche verstummten beim Anblick der Drahtzäune und des Krematoriums mit seinem soliden Schornstein, der schon vom Eingang aus erkennbar war.
Als Einführung auf das noch folgende wurde uns eine Filmdokumentation gezeigt, die uns mit Bildern konfrontierten, die viele von uns in solch einer Form noch nie gesehen hatten. Der Anblick von Leichenbergen und halbtoten menschenähnlichen völlig ausgehungerten Kreaturen schockierte. Doch bisher waren es immer noch Filmaufnahmen. Die wirkliche Begegnung mit dem heute fast unbegreiflichen Ausmaßen der Massenvernichtungen sollte noch folgen.
Diese Begegnung begann vor dem Eingangstor unter einer großen Birke, die wegen ihrer Kahlheit die Wintersonne durch ihre Äste hindurch in unsere Gesichter scheinen ließ.
Hervorzuheben ist, dass unserer Gruppe von Herrn Kazimierz Smolen, einem ehemaligen Häftling, der nach dem Krieg lange Jahre Direktor der Gedenkstätte war, geführt wurde - ein Glücksumstand.



Vor dem in Eisen geschmiedeten Satz "Arbeit macht frei" stand nun ein alter, freundlich lächelnder Mann einer Gruppe sichtlich betroffener und bedrückter deutscher Schüler gegenüber. Unsere Besichtigung des Stammlagers begann unter jener Birke vor dem Eingangstor. Hier verabschiedeten sich die Häftlinge bei ihrer Einweisung ins KL von ihrem bürgerlichen Leben. Sobald sie das Eisentor hinter sich ließen, besaßen sie keine Namen mehr, sondern sie unterschieden sich nur noch durch die ihnen eintätowierte Nummer auf ihrem Arm. Menschen der verschiedensten Völker, aus den verschiedensten Schichten waren folglich nur ein Glied in einer endlos erscheinenden Abfolge von Zahlen, deren künftiges Leben unfreiwillig nur noch auf die verhängnisvolle Phrase "Arbeit macht frei" ausgerichtet war.


Der Weg führte uns also durch das Eingangstor hindurch an den aus Ziegeln gemauerten rötlichen Blocks vorbei, die alle eine Nummer trugen. Den aus Dreck und Steinen bestehenden Weg säumten Grünstreifen und hoch gewachsene Bäume. Von außen ließ sich das, was in den ehemaligen Häftlingsblocks untergebracht war in keiner Weise erahnen.
Der Anblick dessen, was sich uns innerhalb der Blocks darbot, war teils unfassbar, teils schlichtweg widerwärtig. Nur durch eine gläserne Wand getrennt sahen wir uns einem riesigen Berg von Haaren gegenüber, der unsere Köpfe bei weitem überstieg. Bei der Befreiung fand die russische Armee in den Lagerräumen 7.000 kg Haare, die allerdings
nur "Restbestände" darstellten. Menschenhaar verkaufte die SS an die Industrie zur Herstellung von Rosshaargewebe.

Andere Räume konfrontierten uns mit dem schockierenden Bild von Schuhbergen, Auftürmungen von Prothesen und Gehhilfen, Tausenden ineinanderverhakten Brillengestellen, einen Meter hoch gestapelten Töpfen und Schüsseln, einem Meer von Koffern. All dies trug und trägt Zeugnis dafür, wie viele Menschen sich zwischen 1940 und 1945 in Auschwitz befunden haben müssen. Zu bedenken ist, dass diese vielen Habseligkeiten dennoch nur "Restbestände" darstellten. Das meiste hat die SS entweder während der Jahre an die Industrie verkauft oder kurz vor der Befreiung vernichtet. Von dem, was die russische Armee 1945 vorfand, ist heute ebenfalls nur ein Bruchteil zu sehen.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir nach dem Anblick all dieser Zeugnisse menschlichen Lebens im KL Auschwitz sichtlich in Gedanken versunken waren, erweckte Block 11 keine spezielle Aufmerksamkeit, da sich jener von den anderen nicht unterschied. Welche Tragödien sich allerdings in ihm abspielten, sollte uns nicht länger unbekannt bleiben. An Block 11 von Häftlingen auch der Todesblock genannt, schloss sich ein Hof an, der von einer großen Mauer umgeben war. Der Block selbst besaß Fenster mit Holzverschlägen, die die Räume vollständig verdunkelten und auch keinem Blick auf den anschließenden Hof zuließen. Hier fielen einerseits Todesurteile, andererseits war Block 11 auch der Ort von Strafvollstreckungen. Man ließ Häftlinge verhungern oder entzog ihnen für mehrere Tage jegliches Licht, ehe man sie dem grellen Tageslicht aussetzte. Die hier gefällten Todesurteile wurden an der Todeswand im Hof mittels Genickschuss vollstreckt. An dieser schwarzen Wand fanden mehr als 20.000 Menschen den Tod.


Eingang auf den Innenhof zwischen Block 10 und 11 (deutlich erkennbar die Holzverschläge vor den Fenstern)


Deutlich sind heute noch die Einschusslöcher der Patronen zu erkennen. Ein weiterer Ort der Ermordung von Menschen im Stammlager war die Gaskammer mit dem direkt angeschlossenen Krematorium. In spärlichem Licht stehend befanden wir uns nun dort, wo einst Menschen durch Zyklon B qualvoll ersticken mussten und oft erst nach 20 Minuten wirklich tot waren. In jenem Raum befanden wir uns nun und waren kaum in der Lage dies zu realisieren.


In den Verbrennungsöfen des Krematoriums im Stammlager realisierte sich zwischen 1940-1945 das, was die SS neuen Häftlingen am Eingangstor oft zu sagen pflegte:
"Es gibt nur einen Weg, wie ihr dieses Lager wieder verlassen werdet - und zwar durch den Schornstein"
Mit der "Besichtigung" der Gaskammer fand nicht nur die Tagesexkursion vom 22.02.2000 ein Ende, sondern es war gleichsam auch die Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit vieler erschöpft.


Auschwitz-Birkenau


23. Februar 2000 - B i r k e n a u -
Ein gänzlich anderes Bild bot sich der Gruppe, als sie am Morgen des 23. Februar 2000 vor dem Eingang des Lagers Birkenau in Kälte und Schnee darauf wartete, dass Kazimierz Smolen seine Führung begann.


Sie setzte auf dem Wachturm jenes Gebäudekomplexes ein, der durch Schienverläufe unterbrochen war. Diese führten ins Lager hinein und endeten direkt an den Gaskammer und Krematorien. Auf dem Wachturm tat sich vor uns eine fast bis zum Horizont reichende ebene Fläche auf, deren Größe ursprünglich etwa 175 ha betrug. Hier erstrecken sich in endlos scheinenden Reihen niedrig gehaltene Baracken aus Holz und Stein.

Die Zahl der Baracken betrug während den Massenvernichtungen in Birkenau über 300. Heute zeugen Umrisslinien und Schornsteine von Kaminen neben den erhalten gebliebenen Baracken von der ursprünglichen Zahl der Behausungen der Häftlinge, die gleichsam Todeskandidaten waren. Die eben erwähnten Schornsteine scheinen sich bis zum Horizont zu erstrecken und verleihen dem Gelände einen eigenartigen Charakter.



Birkenau war die eigentliche Todesfabrik des Konzentrationslagers Auschwitz, da die Nazis hier die größte Anzahl von Vernichtungseinrichtungen bauten. Krematorien, Gaskammern, Verbrennungsgruben und Scheiterhaufen sollten die Endlösung der Judenfrage in die Tat umsetzen. Unsere Führung setzt sich fort mit der Besichtigung einiger aus Stein gemauerter Häftlingsbaracken, in denen die damaligen Zustände noch heute deutlich erkennbar sind. Viele Baracken besaßen kein Fundament, den Fußboden bildete sumpfiger Morast. Die Häftlinge schliefen in meist dreistöckigen Verschlägen aus Brettern, die sich an den Längsseiten der Baracken entlangzogen.



Verfaultes und verlaustes Stroh und in Ausnahmefällen zerlumpte Decken dienten ihnen als Unterlage. Diese dunklen und feuchten Verschläge kühlten im Winter sehr stark aus, obgleich ein Ofen in jeder Baracke zu finden war, der allerdings wegen fehlendem Brennmaterial so gut wie nie in Betrieb genommen werden konnte Im Sommer hingegen heizten sich die Baracken enorm auf. Der Wassermangel, die katastrophalen hygienischen und sanitären Verhältnisse und darüber hinaus die auch hier völlig unzureichende Nahrung waren unter anderem Ursachen für Krankheiten, wie Flecktyphus, Ruhr und Grätze.


Unterbrochen ist die Aneinanderreihung solcher Wohnbaracken durch Latrinen und Waschräume, die allerdings für die Zahl der Häftlinge in keiner Weise ausreichend waren.
Im August 1943 erreichte die Zahl der Menschen in Birkenau 100.000. Auf jede Latrine würden gemäß dieser Anzahl 2.000 Menschen entfallen. Die eben geschilderten Umstände waren zweifellos in jeder der Häftlingsbaracken, ob aus Holz oder Stein, vorhanden, jedoch war der Anblick der Holzbaracken in besonderem Maße schockierend. Diese Holzbaracken, ehemalige Pferdeställe konzipiert für 52 Pferde, boten in keiner Weise einen Schutz vor Nässe und Wind. Durch die Bretterwände drangen diese in den Innenraum der Baracke und verringerten zusätzlich die Möglichkeit des Überlebens.


Ein von der SS kurz vor der Befreiung gesprengtes Krematorium


Parallel zum Schienverlauf und entlang der Drahtzäune passierten wir viele solcher ehemaliger Behausungen für Häftlinge bis wir schließlich die Überreste von Krematorien am Ende der Schienen erblickten. Hier befand sich einst die Ausladerampe, wo mittels Selektionen oft willkürlich über Leben und Tod der aus den Viehwaggons getriebenen und völlig erschöpften Menschen entschieden wurde.

Dabei war das Prinzip stets das gleiche: die augenscheinlich arbeitsunfähigen Menschen, einschließlich alte Menschen, Kleinkinder und Kranker wurden sofort ins Gas geschickt, die anscheinend Arbeitsfähigen hingegen trieb man in die Baracken des Lagers. Pro Tag war es in Birkenau möglich 4416 Leichen zu verbrennen. Die Verfassung der deportierten, noch lebenden Menschen, die nach Birkenau kamen, war stets ähnlich. Durch das folgende Gedicht wird dies besonders deutlich:


Ilse Blumenthal-Weiß
TRANSPORT - ANKUNFT

Hast du den Zug gesehen? - Den Zug ohne Ende
Mit Menschen, die hungern und frieren?
Sterbende stützen die Bretterwände,
Sterbende stemmen die mageren Hände
Gegen versiegelte Türen.

Hast du die Wagen gesehen, wie Mausefallen?
Und die Lumpen, auf Leiber gepfropft?
Hast du Stammeln gehört und Wimmern und Lallen,
Und Flüche, die gräßlich widerhallen,
Und den Takt, den das Fieber klopft?

Hast du Blut und Wunden und Striemen gesehn
Und Augen, die nichts mehr erkennen?
Kannst du die Sprache der Schatten verstehn,
Wenn sie lautlos an dir vorübergehn
Und nur Gott noch beim Namen nennen?


Der Glaube an Gott mag es auch gewesen sein, der den Opfern der sogenannten Humanexperimente, die in Birkenau durch den Arzt Dr. Joseph Mengele durchgeführt wurden, half die unsäglichen Qualen und Schmerzen zu ertragen. Die Überreste seiner Versuchsräume sind in Birkenau heute noch vorhanden. Von ihnen und auch von den Krematorien in der Nähe der ursprünglichen Ausladerampe sind heute nur noch die Ruinen erkennbar. Beide fielen, genau wie das Effektenlager, in dem die Kleidung, die Brillen, die Schuhe ect. der Vergasten sortiert und gelagert wurde, den Versuchen der Spurenverwischung durch die Nazis zum Opfer.

Am 20.1.1945 sprengte die SS die Krematorien II und III, fünf Tage später das Krematorium V. Die Vernichtung der Kleider-, Schuh-, Kofferberge und jeglicher anderer Gegenstände, die einst den Häftlingen gehörten, wurde schon einige Monate zuvor eingeleitet. Und doch war es nicht möglich alle Spuren des Mordes und der Massenvernichtung zu verwischen.

Bei der Befreiung am 27. Januar 1945 gegen 15 Uhr fand die russische Armee neben offenen Massengräbern in den Baracken noch im Lager verbliebene Häftlinge. Die marschfähigen Insassen von Birkenau hatte die SS bereits Tage zuvor auf sogenannte Todesmärsche geschickt, nur jene, die wegen Schwäche und Krankheit nicht mehr fähig waren zu gehen, blieben neben Leichenbergen im Lager.

Heute ist es schwer vorstellbar, dass überall vor den Holzbaracken und in den nahegelegenen Wäldern an jenem 27. Januar 1945 tote menschenähnliche Kreaturen zu finden waren, dass die Baracken des Effektenlagers bis zur Decke mit Kleidung und Schuhen gefüllt waren, dass der süßliche Geruch verbrannter Leichen noch immer über Birkenau lag. Heute erweckt Birkenau den Anschein eines fast friedlichen Geländes, das Gras wächst vor den Baracken, die Vögel zwitschern in den Bäumen und es herrscht eine nie endende Ruhe. Um so schwerer ist es, sich heute bewusst zu machen, dass dies einst ein Ort des Grauens, des Todes, der Folter, der Vernichtung, der Qual, der Brutalität war, wo schmerzerfüllte Schreie oder apathische Stille die Luft erfüllten.

Aufgrunddessen, dass uns Kazimierz Smolen in eindringlicher Art und Weise bewegende Einzelschicksale näherbrachte, die sich in Birkenau ereignet hatten, konnten wir zumindest teilweise die einstige Grausamkeit und Menschenverachtung dieses Ortes nachempfinden.
Das am Abend stattfindende sogenannte Zeitzeugengespräch mit Kazimierz Smolen bildete den den Abschluss der Auseinandersetzung mit den Massenvernichtungen in Auschwitz. Dabei wurde wohl jedem von uns noch einmal in ganz besonderer Art und Weise deutlich, was ein Leben im Konzentrationslager während des NS-Regimes bedeutet hatte. Mit viel Aufgeschlossenheit, aber auch mit Bestimmtheit führte Smolen dieses zweieinhalbstündige Gespräch. Er brachte uns seine Lebensgeschichte, die zweifellos durch den Holocaust geprägt war näher, hatte Verständnis für unsere Fragen und beantwortete jede. Das Maß seines Leides, seiner Qual und auch seiner Angst kann man als Außenstehender keinesfalls erfassen.



24. Februar 2000 - Kraukau -
Den letzten Tag unseres Aufenthaltes in Polen nutzten wir zur Besichtigung einer Stadt, deren Attraktivität nicht zu unterschätzen ist. Wir besuchten Krakau und begaben uns im Rahmen einer Stadtbesichtigung auf die Spuren des jüdischen Lebens.


Die Besichtigung des sich über der Weichsel erhebenden Wawel bildete den Anfang unserer Stadtführung. Danach ging es quer durch die Altstadt. Vorbei an den langsam verfallenden Häusern des ehemaligen jüdischen Viertel, gelangten wir schließlich zu einer kleinen Synagoge. Dieses auf einem Hinterhof gelegene relativ unscheinbare jüdische Gotteshaus, sollte eine Überraschung der besonderen Art in sich bergen. Völlig unerwartet trafen wir dort einen der Schindlerjuden.

Also einen jener Juden, die durch den Unternehmer Oskar Schindler
während der NS-Zeit vor dem sicheren Tod, vor den Gaskammern gleichsam gerettet worden waren. Nach dieser unverhofften Begegnung war ein weiterer Programmpunkt die Besichtigung der alten Universität, an welcher Papst Johannes Paul II einst studierte.
Am Nachmittag bestand noch die Möglichkeit durch den Besuch der weltberühmten Tuchhallen und der bekannten Marienkirche den Charakter Kraukaus zu erforschen.
Am letzten Abend vor der Rückreise schließlich konnte jeder die gesammelten Eindrücke und Erfahrungen bei einem original jüdischen Abendessen im Restaurant "Klesmer" noch einmal Revue passieren lassen.

25. Februar 2000 - Der besinnliche Abschied von Auschwitz -
Den endgültigen Abschluss unserer Exkursion bildeten die Schweigeminuten an der Todeswand zwischen Block 10 und Block 11 im Stammlager. Am frühen Morgen kehrten wir noch einmal in strömendem Regen dorthin zurück, wo so viele ermordet wurden. Das Schweigen und das Niederlegen von Blumen an der einst blutgetränkten Todeswand sollte einmal die Möglichkeit bieten, dass jeder einzelne einen gewissen inneren Abschluss zu dem Erlebten findet. Andererseits sollte es aber ein nochmaliger Aufruf sein:

Wir dürfen das Geschehene nicht vergessen und verdrängen. In der Verdrängung und dem Vergessen liegt die Gefahr der Wiederholung solcher schier unbeschreibbaren Gräueltaten an Menschen. Es gibt keinem anderen Weg als jenen der Erinnerung, um den auf einen Stein geschriebenen Wunsch, der sich an der Todesmauer in Auschwitz befand, zu realisieren:

Nie wieder!

verfasst von:
Simone Felgner


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