Mittelalter/Neuzeit

Juden in Sachsen während des Mittelalters

Während des Mittelalters befanden sich die Juden gewissermaßen in einem Teufelskreis: Sie durften weder Land besitzen noch verkaufen und sie durften keine christlichen Berufe ausüben. Somit war ihre Tätigkeit zwangsweise auf das Geldleihgeschäft, vor allem in den Städten, beschränkt. Ein Grund dafür war auch, dass für Juden nicht das von der Kirche verkündete Kanonische Zinsverbot galt, das den Christen das Ausleihen von Geld gegen Zinsen untersagte.



Da die Juden keine Verluste erleiden wollten und das Geldleihgeschäft risikoreich war, verlangten sie z.T. erhebliche Zinsen. Deshalb wurde ihnen Wucherei nachgesagt, was die religiöse Abneigung gegen sie zusätzlich verschärfte. Aus diesem Vorwurf heraus, verfolgte man die Juden. Diese waren nun gezwungen sich Schutz zu suchen. Die Fürsten nutzten ihre schlechte Situation aus, und boten den Juden für große Geldsummen Zuflucht.

So musste z.B. allein die jüdische Gemeinde in Leipzig 450 Gulden Schutzgeld zahlen. Dadurch mussten die Juden ihre Zinsforderungen erhöhen, was den Hass der Christen abermals verstärkte. Die Juden waren allgemein nicht sehr angesehen, oftmals lebten sie am Rande der Städte in separaten Quartieren. Sie waren im Mittelalter für alles die Sündenböcke: Sie wurden des Kindermordes und der Hostienschändung beschuldigt. 1349 wurden Juden in Leipzig verfolgt und getötet, weil sie angeblich die Brunnen vergiftet hatten und dadurch die Pest ausgebrochen ist. Judenverbrennungen fanden 1349 auch in Dresden und Meißen statt.


Urkunde von 1368. Judenverordnung des Markgrafen Heinrich des Erlauchten von Meißen, 1265
Die Markgrafen Friedrich III., der Strenge, Balthasar und Wilhelm von Meißen haben alle ihre Juden, Jüdinnen und deren Kinder und ganzes Gesinde begnadigt, daß sie dieselben schützen, beschirmen und verteidigen wollen, so gut sie nur können. Sie wollen die Juden bei ihren jüdischen Rechten lassen, ihren Eid sollen sie auf das Buch Mose schwören. Den Juden soll gleiches Recht wie den Christen zuteil werden. Alle Juden im Gebiet der Markgrafen sollen von jeglichen Gleits- und Zollabgaben frei sein. Dafür haben die Juden insgesamt den drei Markgrafen 1000 Gulden für ein Jahr bezahlt. Kein Jude soll mehr Zinsen nehmen als auf ein Schock Groschen wöchentlich einen halben Groschen.

Das 18. Jahrhundert

Erneut wandern Juden in Sachsen ein. Dies wird von August dem Starken wegen der damit verbundenen finanziellen Vorteile gestattet.


Messestadt Leipzig
1682 wurde die Judenordnung vom sächsischen Kurfürsten Friedrich August I. (der Starke) bestätigt. Sie legte den jüdischen Messebesuchern eine Passpflicht auf.
Fünf Jahre später verordnete der Rat der Stadt, dass jüdische Stände getrennt von anderen aufzustellen sind. Trotz dieser Behinderung leisteten jüdische Kaufleute einen großen Beitrag zum Aufstieg der Messe. Unter anderem entrichteten sie 719 661 Reichstaler Leibzoll an die Stadtkasse.


Jüdische Händler besuchen die Leipziger Messe


1698 machte August der Starke den Juden ein Zugeständnis: Er gestattete den jüdischen Privatgottesdienst der Messjuden, obwohl der Rat der Stadt und die Stände dagegen waren. Noch 1704 wurde jeder jüdische Kaufmann, der ein Stadttor passierte, registriert.
Unmittelbar nach dem Friedensschluss von Hubertusburg, der den Siebenjährigen Krieg beendete, wies der Rat der Stadt die Juden aus, die während der preußischen Besetzung in Leipzig ansässig geworden waren.
Das Elcanus Hertz 1767 als erster Student des jüdischen Glaubens an der Leipziger Universität angenommen wird, zeigt, dass sich die Ideen der Aufklärung (unter anderem religiöse Toleranz) durchzusetzen beginnen. Um 1800 lebten ständig 40 bis 50 Juden in Leipzig.

Residenzstadt Dresden
1696 gestattet August der Starke Berend Lehmann die Niederlassung als Hofjude in Dresden. Dies macht sich schon ein Jahr später bezahlt: Lehmann beschafft ihm 10 Millionen Reichstaler zur Erwerbung der polnischen Krone. Dafür erhalten die Verwandten des Berend 1708 einen kurfürstlichen Schutzbrief zum Aufenthalt in Dresden. 1718 erwerben Berends Sohn und sein Schwager ein Haus in der Stadt, wo sie das Wechselgeschäft betreiben und Luxuswaren für den Hof verkaufen. 1751 erhalten die Juden in Dresden einen eigenen Friedhof. 1763 wohnen bereits 809 Juden in Dresden. Neun Jahre später dürfen Juden nur noch in der Altstadt wohnen, werden nur mit besonderer Erlaubnis geduldet und müssen monatliche Familienverzeichnisse einreichen. 1746 entsteht das kursächsische Judenmandat. Es schränkt die allgemeine Ansiedlung von Juden in Sachsen ein. In bestimmten Fällen wird sie aber durch das Erteilen von "Kammerpässen" gestattet.


Die Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert

Nach der bürgerlichen Revolution in Sachsen von 1830 gestattet die Regierung die Bildung je einer Religionsgemeinschaft in Leipzig und Dresden. Außerdem durften Juden Land erwerben, um Bet- und Schulhäuser zu errichten. Dies war ein wichtiger Schritt zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden. König Johann setzte sich 1837 auf dem Landtag mutig für die Emanzipation der Juden ein.

Er sagte: "Mit aller Achtung für die öffentliche Meinung muss ich mich doch für die Juden verwenden. Ich glaube, wir sind es den Juden als Menschen, wir sind es ihnen als Mitbürger schuldig. Ich habe keine andere Sympathie für die Juden, als für alle meine Mitmenschen, und diese kann ich ihnen nicht weigern."

Im selben Jahr wird Julius Fürst als erster Jude in ein Lehramt der Universität Leipzig berufen. Er hat 1840-1851 die Zeitschrift "Orient" herausgegeben und gehörte über viele Jahre zu den leitenden Persönlichkeiten der Religionsgemeinde.
Die 1848 verkündete Einführungsverordnung zu den Grundrechten der Juden in Sachsen konnte wegen heftiger Widerstände erst 1869 voll verwirklicht werden. Seit Ende der sechziger Jahre kommt es zu einer starken jüdischen Einwanderung nach Sachsen vor allem in den größeren Städten. Lebten 1834 ca. 136 Juden in Leipzig, so waren es 1867 schon 1148.


  Dresden Leipzig Sachsen
1834 682 136 850
1867 870 1148 2103
1871 1276 1739 3346
1875 1956 2564 5360
1890 2616 4225 9368
1900 3059 6314 12416
1905 3510 7676 14 697

Die jüdischen Emanzipationsbestrebungen in Sachsen waren auch durch Kämpfe um die elementarsten Rechte, wie Aufenthalts- und Niederlassungsrecht, Recht der Ausübung eines Handwerks, religiöse Betätigung und Bau von Synagogen, geprägt. Die Gewährung dieser Rechte ging nur sehr langsam voran. Die juristische Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger erhielten die Juden 1869 durch das Gesetz des Norddeutschen Bundes.


Im Jahre 1871 ging die jüdische Emanzipationsbewegung zwei entgegengesetzte Wege:
Der größte Teil entschied sich für die Assimilation, also eine weitgehende Verschmelzung mit deutscher Kultur und deutschem Nationalgefühl. Diese Juden waren stolz darauf, Angehörige der deutschen Nation zu sein.
Die anderen - vor allem die aus Osteuropa eingewanderten Juden - besannen sich auf speziell jüdische Traditionen und Werte zurück. Sie forderten ein selbstbewusstes Judentum. Diese Strömung wird bald als Zionismus bezeichnet. Die Zionisten erklärten, die unsichere Lage der Juden kann nur durch die Sammlung der jüdischen Nation in einem eigenen Staat beendet werden.


Karikatur auf die Emanzipation der Juden. Leipzig 1848


verfasst von: Janette Otto


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