Chassidismus |
||
Die wirtschaftliche Situation im Chassidismus
|
||
Die Bewegung des Chassidismus entstand Mitte des 18.Jahrhunderts in Wolynien und Podolien / Ukraine. |
Verbreitungsgebiet des Chassidismus in Osteuropa |
|
Die wirtschaftliche Lage vieler Juden war zu Beginn des 17. Jahrhunderts sehr gut, da sie das Recht der Branntweinherstellung bekommen hatten. Außerdem war es ihnen erlaubt mit Getreide zu handeln. Sie waren wirtschaftlich wichtige Glieder im polnischen Feudalstaat. Ihre wirtschaftliche Funktion entsprach ihrer politischen Lage. Sie bildeten im eigentlichen Sinne einen "Staat im Staate". Dies und die Rolle einiger Juden als ungeliebte Verwalter adligen Großbesitzes führte zu Auseinandersetzungen mit der slawischen Bevölkerung. |
||
Zu Beginn des 18.Jahrhunderts waren die ukrainischen Juden vielfach verarmt, da die Konkurrenz der Christen im Handel ihnen Not bereitete. Die jüdische Bevölkerung schien wirtschaftlich dem Untergang geweiht. In dem Pseudo-Messias Sabbatai Zwi suchte man in dieser Situation Erlösung. Dieser brachten jedoch nur entsetzliche Enttäuschung. |
Hetman Bogdan Chmielnicki, Kupferstich von Hondius, Danzig 1651. |
|
Die eigentliche befreiende schöpferische Tat kam von den Juden selbst. Es entstand eine religiös gesellschaftliche Selbstbefreiung (Autoemanzipation) aus den Tiefen des nationalen Lebens - der Chassidismus. Die Juden erkannten ihre Resignation und mobilisierten ihrer letzten Kräfte. Durch die Sehnsucht nach Überwindung der furchtbaren gesellschaftlichen Not entstand der Chassidismus. Im Gegensatz zum zeitgenössischen Rabbinismus predigte diese neue Bewegung religiöses Gefühl und Gleichheit. Auch der Unwissende wird durch die Stärke seines Gefühls ein Gleichberechtigter. |
||
Die Ideenwelt des Chassidismus
|
||
Im Chassidismus lässt sich der Gedanke der Demokratie in geistiger und ökonomischer Hinsicht feststellen. Es entstehen hier nicht übersteigerter Intellekt und Wertung eines Juden nach seiner Gelehrsamkeit im Vordergrund wie im Rabbinismus, sondern man setzt hier prinzipiell auf das jedem zugängliche religiöse Gefühl und die Intention (Kawwana). |
Der chassidische Rabbi Urbach Er ging nach Palästina und wurde"Rabbiner der Pioniere" genannt. 1924 |
|
Eine weitere Erscheinung des Chassidismus aus gesellschaftlicher Struktur ist, dass sie nicht wie in der Mystik des Abendlandes oder der Kabbala einzeln zurückgezogen und ganz in sich gekehrt leben, sondern ihre Religion in der Gemeinschaft verwirklichen. |
||
Die Betonung der Kontemplation
|
||
Für den Chassiden ist alles auf die Erkenntnis Gottes abgestellt, die mit Freude, Kawwana und Hitlahabut ("inneres Brennen") erworben wird. Die verstandschärfende Ausschließlichkeit des Lernens muss deshalb zurücktreten hinter Gebet und gesellige Zusammenkünfte. Diese Zusammenkünfte waren der Höhepunkt des chassidistischen Gemeinschaftslebens. Der Gesang spielte dort eine große Rolle. Es wurden Melodien ohne Worte, welche vom Zaddik selbst erfunden wurden, viele Stunden lang gemeinsam gesungen. In diesen Gesängen spiegelte sich aller Schmerz und alle Freude wider. |
||
Die antikapitalistische Tendenz
|
||
Das Judentum in Polen und in Russland war kaum vom Kapitalismus ergriffen, da die wirtschaftliche Gesamtsituation noch nicht reif für eine kapitalistische Einordnung der Juden war. Dann aber wehrten sich die Führer des Chassidismus gegen alle bürgerlich-rechtlichen Vorteile. Mit dem Fortschreiten des kapitalistischen Entwicklung in Polen bildete sich auch langsam eine kapitalistische jüdische Oberschicht heraus. Dem Chassidismus fehlen die kapitalistisch-bürgerlichen Tugenden wie Streben nach Reichtum und wirtschaftlicher Selbstständigkeit. Der größte Teil der Chassidim hatte deshalb auch keinen festen Beruf. Nur ein kleiner Teil waren Kaufleute und Handwerker. |
||
Die Bedeutung des Gesetzes im Chassidismus
|
||
Der Chassidismus greift auf die Quellen des eigenen Volkes zurück und formt selbst neue religiöse Ideen, die im Gegensatz sowohl zu Anschauungen der Umwelt wie des gerade herrschenden Judentums stehen. Er erkennt die weltlichen und religiösen Gesetze ohne Vorbehalte an. Diese gelten ihm als Grundlage des Judentums und der neu erfassten Religiosität. Seine neuen religiösen Inhalte hat er völlig in die Form des Gesetzes hineingegossen und erkannte dabei dessen objektiv-gültige nationale Bindungen an und betonte sie. Nur hinsichtlich bestimmter Gebräuche ( Minhagim) hatte er seine Besonderheiten. |
||
Chassidistischer Humor
|
||
(nach Rabbi Shmuel Avidor Hacohen ) |
||
Der Niedergang des Chassidismus
|
||
Mit dem Niedergang des Chassidismus verliert dieser auch seinen demokratischen Charakter. Dies drückt sich am stärksten in der Veränderung der Bedeutung des Zaddiks aus. Die Kluft zwischen ihm und der Masse wurde immer größer und zwar wohl in geistiger wie in wirtschaftlicher Hinsicht. Der Zaddik wird zum Mittler, und er ist im Besitz ganz besonderer, dem Volke ansonsten unzugänglicher Eigenschaften. Seine Konstitution ist qualitativ prinzipiell verschieden von der des Volkes. Diese Kluft drückt sich auch in seiner wirtschaftlichen Situation aus. Der Zaddik wird wohlhabend und gibt sein Geld nicht dem Volk, sondern steckt es in seine eigene Tasche. Für einen Rat an andere Menschen verlangt er reichlich Geld. Trotz persönlicher Anspruchslosigkeit umgibt ihn ein fürstlicher Hof. Außerdem basiert der Beruf des Zaddiks nicht mehr auf Freiwilligkeit, sondern wird vererbt. Mit dem neuen Typus von Zaddik war aber das ursprüngliche gesellschaftlich-religiöse und revolutionäre Prinzip des Chassidismus verloren gegangen. |
||
(C) LGD 2010 - Alle Rechte vorbehalten |
||