Die Haltung des Vatikans zum Holocaust

1998 veröffentlichte der Vatikan eine Erklärung zum Holocaust die ihn und insbesondere den Papst Pius XII. von der schweren Mitschuld an dem millionenfachen Judenmord zu entlasten suchte. Aber es gelang ihnen nicht: Erfindungen und Lügen auf der einen, Weglassungen und Unterschlagungen auf der anderen Seite, sind hier so eindeutig vermischt, dass kaum eine Frage aufgeklärt werden konnte .


Pius XII.

Fangen wir mit dem Anfang an, einem Anfang, den es bei der Vatikan-Erklärung vorsichtshalber gar nicht erst gibt: Der Mann, der sich selbst den Namen Pius („der Fromme“) gab, hieß als Kardinal Eugenio Pacelli, sprach Deutsch als wäre es seine Muttersprache und war über zwölf Jahre lang amtierender Botschafter des Vatikans in Deutschland. Sein Privatsekretär Robert Leiber – ein Deutscher, seine Haushälterin Pascalina – eine Deutsche und die Namen seiner zweier Vögel, die Pacelli hegte und pflegte, Gretchen und Peter, machen seine Verbundenheit mit den Deutschen mehr als sichtbar.

Rolf Hochhuth, Autor des weltweit bekannten Schauspiels „Der Stellvertreter“, hat die Haltung des Papstes zum Holocaust dem Vergessen entrissen, in der „der Herr des Vatikan und Herrscher über Millionen gläubiger katholischer Gemüter", die Stigmatisierung der jüdischen Menschen unter Berufung auf Gott zu rechtfertigen schien: “Jerusalem hat seine (Gottes) Einladung und seine Gnade mit jener starren Verblendung und jenem hartnäckigen Undank beantwortet, die es auf dem Wege der Schuld bis zum Gottesmord geführt hat.“ (Zit. Frankfurter Rundschau, 19.3.´98)
Das ist die eine Seite.

Es ist jedoch auch nicht zu bestreiten, dass Pius mit dafür gesorgt hat, dass sich über 4400 Juden in römischen Kirchen und Klöstern bis zum Abmarsch der Besatzer verbergen konnten. Er war auch bemüht, den Frieden durch persönliche Initiative zu erhalten und versuchte später „sein“ Italien aus der Kriegsfront herauszubrechen. Doch Pius empfand wie die meisten Bischöfe auch, heimliche Sympathie für rechtstotalitäre politische Systeme, weil sie ihnen als Bollwerk gegen den „gottlosen“ Bolschewismus sehr willkommen waren. Außerdem erschien ihnen die kommunistische Heilslehre als schrecklichste Bedrohung des Katholizismus. Pacelli hielt den Diktator Hitler für einen getreuen Jünger Mussolinis und den italienischen Faschismus für akzeptabel, da sich Mussolini „auf eine immer schärfer werdende Separation“ von jüdischen und nicht jüdischen Italienern beschränkte.

Der historische Antijudaismus der katholischen Kirche tat sein übriges, da die jüdischen Mitbürger alle als „Christusmörder“ verdammt wurden. Wie anders kann ein „Gottesmord“ gesühnt werden, als durch die Tötung der “Gottesmörder“ ? So konnten sich die „guten Schäflein“ des „römischen Oberhirten“ in Gottes Gnade fühlen, wenn sie seine „Mörder“ nun ihrerseits töteten. Das Schweigen der Kirche und die unterlassene Hilfe sind zum Teil auch auf den „Römerbrief“ von Paulus zurückzuführen, in dem festgehalten ist, dass den „von Gott eingesetzten“ Trägern der staatlichen Gewalt, schuldigst Gehorsam geleistet werden muss. In Hitlers „Gebet- und Gesangbuch“ für katholische Soldaten der Wehrmacht, wird die Jungfrau Maria als "Mutter der Kanonen" angefleht, den deutschen Waffen zum Sieg zu verhelfen. Dieser Sieg wurde allerdings erfochten durch die Tötung von Zehntausenden, ja Hunderttausenden polnischen, ukrainischen, französischen und belgischen Katholiken! Auch hier "heiligte der Zweck die Mittel".

Mit einem Zynismus, der seinesgleichen sucht, beruft sich die vatikanische Erklärung auf einzelne Katholiken, die gegen die faschistischen Verbrechen vorgingen und unterschlägt, dass der Papst und seine Bischöfe diesen mutigen Priestern keinerlei Unterstützung zukommen ließen ! Der Katholik Bruening beschreibt die Situation seit 1933 folgendermaßen:

Die große Masse der einfachen Wähler musste jetzt zu der Überzeugung kommen, dass eine Regierung, die so von den Bischöfen behandelt wurde, die Sympathie des Apostolischen Stuhles habe. ... Wer den Kampf aufnahm, hätte noch den Makel auf sich genommen, kein guter Katholik zu sein.“


Diese Situation änderte sich auch nach 1945 nicht. Der katholische Kaplan Joseph Rossaint, der als Führer der Katholischen Jugend im Rheinland wegen seines antifaschistischen Kampfes zehn Jahre in Haft verbringen musste, wurde auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus von den Bischöfen wie ein Aussätziger behandelt und erhielt keine Pfarre.

Franziskaner und Kreuzritter waren Henker in den massenhaft entstehenden Konzentrationslagern (davon alleine neun Kinder-KZ). Im Vernichtungslager Jasenovac, wo über 200.000 Serben und Juden ermordet wurden, war der Franziskaner-Pater Filipovic zeitweise KZ-Kommandant; in dieser Zeit verantwortlich für 40.000 Morde.


Geistliche beim Hitlergruß

Auf solche Taten im „Namen des Herrn“ geht die Erklärung des Vatikan nicht ein, oder versucht sie als "Versagen" zu entschuldigen. Erst Papst Johannes Paul II. rang sich im März 2000 zu einer vorsichtigen Stellungnahme zu diesem Thema durch. Er sei „zutiefst betrübt“ über all jene, die Gottes „Söhne und Töchter leiden ließen“; die Christen hätten „bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen“.
Die Frage, ob Papst Pius XII. und der Vatikan den Holocaust verhindern oder einen solchen Ausgang hätten abwenden können, kann bis heute nicht eindeutig geklärt werden, da der Vatikan zwar bisher 5000 ausgewählte Dokumente veröffentlicht hat, aber noch heute alle Akten aus den entscheidenden Jahren unter Verschluss hält.

(Quellen: "Der Spiegel“ 31/2001, „Freidenker“ 2/1998, "Frankfurter Rundschau" 19.3. 1998)

verfasst von: Mario Kabiersch


Der Vatikan und der Holocaust

(2. Variante)

„Millionen Menschen auf dem Boden ihres eigenen Vaterlandes der elementarsten Bürgerrechte und –privilegien beraubt, man verweigert ihnen den Schutz des Gesetzes gegen Gewalt und Diebstahl, Beleidigung und Schmach harren ihrer, man geht sogar so weit, das Brandmal des Verbrechens Personen aufzudrücken, die das Gesetz ihres Landes bis dahin peinlich genau befolgt haben...“
Dies ist das Kernstück der geplanten Enzyklika „Mit brennender Sorge“ des Papstes, eine Kampfansage gegen den Rassenwahn.
Während Papst Pius XI. Mitte März 1937 dieses Schreiben verfasst, werden Juden in Deutschland entmündigt, enteignet, gedemütigt.


Nuntius Pacelli verläßt das Rechspräsidentenpalais nach dem Neujahrsempfang für Diplomaten, 09.12.1929

Mit seiner Anklageschrift gegen die Verfolgung der Juden will Papst Pius XI. das Schweigen brechen. Doch der Mahnruf bleibt stumm. Kurz bevor es zur Vollendung der Enzyklika kommt, stirbt am 10.Februar 1939 der greise Kirchenvater – und damit auch der Plan ein deutliches Wort gegen Hitlers Rassenwahn zu erheben.

In einer Rekordzeit von nur drei Wahlgängen wird dann am 2. März Eugenio Pacelli zum Papst gewählt. Der dreiundsechzigjährige Römer hatte schon als Vertreter Pius des XI. die Politik seines Vorgängers maßgeblich mitbestimmt. Dennoch hätte der Papstwechsel nicht einschneidender seien können. Auf die resolute, offenherzige Kämpfernatur folgte ein zurückhaltender Geistlicher, der versuchte jeder direkten Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Obwohl Pius XII. den Nationalsozialisten ebenso fern stand wie sein Vorgänger versuchte er jeder Provokation auszuweichen, und so verschwand auch die fast vollendete Enzyklika für immer im Archiv des Vatikans. Radio Vatikan und das amtliche Kirchenblatt wurden angehalten ihre Attacken gegen Hitlers Politik zu mäßigen. Besuchern des Vatikans, welche das Hakenkreuz auf Ansteckern oder Uniformen trugen, verwehrte man nicht länger den Zutritt in den Kirchenstaat.

Schon das Konkordat vom 20.Juli 1933 zeigt schließlich wie schnell sich die katholische Kirche mit dem NS-Regime arrangierte. “In Anbetracht der neuen politischen Lage, die sich in Deutschland herausgebildet hat, ohne dass der Heilige Stuhl daran den geringsten Anteil hatte, blieb kein anderer Weg, die Rechte und Ansprüche der katholischen Kirche in einem so bedeutendem Staatswesen wie dem Deutschlands mit 40 Millionen Gläubigen zu sichern, als der des Konkordats.“ Mit diesen Worten mühte sich Pacelli später den Pakt mit den Antichristen zu rechtfertigen, welcher der katholischen Kirche allerdings auch beachtliche Zugeständnisse machte.

Zwei Drittel der ausgehandelten Artikel fielen zu ihren Gunsten aus. Sie durfte ihre seelsorgerischen, schulischen und sozialen Einrichtungen in eigener Regie weiterbetreiben und blieben somit von der Gleichschaltung verschont. Für die Kirche erbrachte der Vertrag allerdings keinen Gewinn, sondern lediglich den Erhalt des status quo. Als Gegenleistung nahm die katholische Kirche ihre politische Entmündigung hin. Das Konkordat wies Geistliche und Ordensleute in die Begrenzungen von Sakristei, Seelsorge und Sozialdienst zurück; politische Betätigungen war ihnen untersagt. Die Partei der deutschen Katholiken, das Zentrum, war der Entmachtung schon drei Tage vor Vertragsabschluß mit ihrer Selbstauflösung zuvorgekommen. Im In- und Ausland erschien das Bündnis zwischen Kreuz und Hakenkreuz wie eine offizielle Anerkennung der Unrechtsherrschaft.

Der Papst hatte schon früh genaue Kenntnis über die Vernichtung jüdischer Männer, Frauen und Kinder in Europa, dennoch schwieg er zum Holocaust. Doch die Haltung der Kirche war nicht einheitlich. Als relativ schnell deutlich wurde, dass das Konkordat keinen Schutz gewährleistete, verstärkte sich die Opposition von Geistlichen. Sie wurde deutlich in offiziellen theologischen Stellungnahmen, in mutigen Predigten und in Hirtenbriefen. Außerdem sickerten immer mehr Einzelheiten zu so genannten Heilanstalten, in denen psychisch und geistig Kranke systematisch vergast wurden, bei der Bevölkerung durch. So erreichte die kirchliche Opposition im Sommer 1941 als der Bischof von Münster, Graf von Galen, in seinen Predigten das Euthanasie-Programm entschieden verurteilte, ihren Höhepunkt. Die Nazis setzten ihr Programm zur Auslöschung "lebensunwerten" Lebens zumindest offiziell aus, insgeheim wurde es allerdings bis April 1945 fortgeführt. Während Galen sein hohes Amt vor einer Gewalttat schützte, büßten viele Pfarrer ihren Widerstand mit der Inhaftierung oder dem Tode.

Hätte ein Macht- oder Verdammungswort von Pius XII. die grauenhaften Hitler-Verbrechen oder wenigstens einige davon verhindern können? Festzuhalten ist, dass die Einstellung der katholischen Kirche zum Dritten Reich durchaus zweiseitig ist: Auf der einen Seite steht das mutige und engagierte Vorgehen einzelner gegen das Regime. Auf der anderen Seite muss festgehalten werden, dass sich die katholische Kirche als Institution sicherlich geschlossener und mit mehr Nachdruck für unterdrückte und verfolgte Minderheiten hätte einsetzten können. So lässt sich der Vorwurf des moralischen Versagens, den Konrad Adenauer der Kirche machte, nicht vermeiden. Wenn sie „alle miteinander an einem bestimmten Tage öffentlich von den Kanzeln“ gegen die Judenmorde gepredigt hätten, schrieb er 1946, wäre vieles verhütet worden. Dass sie es nicht taten, sei unentschuldbar.

Pius XII. starb am 9. Oktober 1958 „weltweit in hohem Ansehen“, wie der christliche Schriftsteller Bret schreibt. Auch die damalige israelische Außenministerin Golda Meir dankte ihm , dass er für die Verfolgten „die Stimme erhoben“ habe; Roms Oberrabbiner Elio Toaff würdigte seine „große mitfühlende Güte und Hochherzigkeit“. Ganz andere Worte wählte der Dramatiker Rolf Hochhuth vier Jahre nach dem Tod des Papstes in dem Drama „Der Stellvertreter“, mit dem er das Weltbild der Katholiken nachhaltig angriff. „Wenn er mehr mit den Menschen gesprochen hätte“, sagt Hochhuth, „hätten sich viele Juden retten können.“

Bis heute hält der Vatikan alle Akten der entscheidenden Jahre unter Verschluss, veröffentlich wurden bisher lediglich auserwählte Dokumente – 5000 bis jetzt. So bleibt der Vatikan auch zu Beginn des dritten Jahrtausends das, was er immer war – ein Ort des Geheimnisses.

verfasst von Karoline Linke


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