Holocaustmahnmal Berlin

Über die Form der Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten ist, besonders durch die Debatte über das Holocaustdenkmal, eine öffentliche Kontroverse ausgebrochen.

Der Streit über die Errichtung eines Holocaustdenkmals in Berlin dauert jetzt schon über 10 Jahre an. Die Kernpunkte dieses Streites lassen sich in drei Hauptaussagen zusammenfassen: als erstes steht die Frage über die Notwendigkeit eines solchen Denkmals. Diese erhält besonders dadurch Brisanz, dass auch bekannte jüdische Prominente sich gegen ein solches Denkmal aussprechen. Der nächste Streitpunkt ist die Form und Größe des Denkmals und außerdem gibt es auch Meinungsverschiedenheiten über den Standort des Mahnmals. Als erstes möchte ich einen kurzen Einblick in die Entwicklung des Disputs, von der Idee eines Mahnmals bis hin zur symbolischen Grundsteinlegung, geben.

Am 24. August 1988 findet eine Diskussionsveranstaltung zur Zukunft des Prinz-Albrechts-Geländes statt. Die Journalistin Lea Rosh fordert dort ein Mahnmal für die ermordeten Juden zu errichten. Daraufhin beginnt eine Unterschriftensammlung und die SPD-nahe Bürgerinitiative "Perspektive Berlin" wird gegründet, die Vorsitzende ist Lea Rosh. Bereits jetzt bricht eine Auseinandersetzung darüber aus, ob das Denkmal nur den ermordeten Juden oder auch den anderen Opfern des Dritten Reiches gewidmet werden soll. Im April 1989 erinnert der Vorsitzende des Zentralrates deutscher Sinti und Roma Romani Rosi in einem Aufruf daran, dass auch seine Vorfahren Opfer der Politik der Nationalsozialisten wurden. Im Juni 1989 lädt "Perspektive Berlin" zu einem beschränkten Wettbewerb ein. Daran nehmen Ruth Gindhardt, Horst Hoheisel, Paul Pfarr und Georg Seibert teil.

Am 7. November 1989 geht aus der "Perspektive Berlin" ein "Förderkreis zu Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas" hervor. Dem Förderkreis steht Lea Rosh vor und er beginnt in Anzeigen und bei Bundespolitikern für das Vorhaben zu werben. Im Januar 1990 wird ein Mahnmal im Geländekomplex "Topografie des Terrors" abgelehnt und als neuer Standort werden die ehemaligen Ministergärten, südlich des Brandenburger Tores, vorgeschlagen. Im Juni 1991 kommt zu einer Zuspitzung des Streites, weil der Förderkreis, unterstützt vom Zentralrat der Juden in Deutschland, auf einer Erinnerungsstätte allein nur für die ermordeten Juden besteht. Die Sinti und Roma werfen den Befürwortern des Denkmals "Ausgrenzung" und "Selektion" zwischen "Opfern erster und zweiter Klasse" vor. Der Jüdische Weltkongress fordert Bundeskanzler Kohl im November 1991 auf, dem Denkmal für die ermordeten Juden in Europa zuzustimmen. Im September 1993 spricht sich Bundeskanzler für ein Mahnmal im Sinne des Förderkreises aus. Im Gedenken an die jüdischen Opfer der Shoa solle es eine "eigene Erinnerungsstätte" geben. Daraufhin kommt es im Oktober 1993 zu einem neuen Streit zwischen den Opfergruppen. Der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland fordert eine eigene Gedenkstätte in "räumlicher Nähe" zu dem Mahnmal für die ermordeten Juden, die beiden Denkmäler sollen auch "gestalterisch verbunden" sein. Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, kann sich höchstens eine "gärtnerische Verbindung" vorstellen. Ein Gespräch zwischen Romani Rose und Bubis, bricht Bubis ab, nachdem Rose ihm vorgeworfen hatte "Apartheid" zu praktizieren. Am 14. November 1993 verspricht Kohl Ignatz Bubis, bei der Einweihung der neugestalteten Wache, dass er sich gegen das universalistische Konzept ausspricht und dass es ein ausschließlich den ermordeten Juden Europas gewidmetes Mahnmal geben werde.

Am 18. April 1994 wird der künstlerische Wettbewerb für das Mahnmal ausgeschrieben und 2600 Künstler fordern Wettbewerbsunterlagen an. Im Mai 1994 erklärt der Berliner Bausenator Nagel, dass der Wettbewerb auf deutsche Künstler und Architekten beschränkt ist. Missstimmung entsteht als bekannt wird, dass zusätzlich zur offenen Ausschreibung auch zwölf weitere Künstler, auch aus dem Ausland, eingeladen worden sind. Anders als den übrigen Teilnehmern soll ihnen auch ein Honorar von 50.000 DM zugesagt worden sein. Die Kosten des Mahnmals werden auf 16 Millionen DM geschätzt, die zu je einem Viertel von Bundes- und Berliner Landesmitteln und zur anderen Hälfte durch Spenden bestritten werden sollen. Am 16.März 1995 wird das Ergebnis des Wettbewerbs bekannt gegeben. Acht der eingereichten Entwürfe werden prämiert und zwei erste Preise vergeben: Einmal für den Entwurf von Simon Ungers, ein 85 mal 85 Meter großes Quadrat von vier mannshohen Stahlträgern, in die die Namen von Konzentrationslager spiegelbildlich eingetragen sind, so dass das Sonnenlicht sie in die Mitte projiziert.

Ebenfalls einen ersten Preis erhielt eine Berliner Gruppe um Christine Jackob Marcks: Sie will eine elf Meter hohe, 2000 Quadratmeter große schiefe Ebenen aus Beton errichten, in die sämtliche Namen der in der Shoa ermordeten Juden eingraviert werden soll. Eine Machbarkeitsstudie soll entscheiden, welches Modell realisiert wird. Bubis spricht sich am 8.Juni 1995 gegen Ungers Entwurf aus und zu Jackob Marcks Entwurf sagt er: "Geschmackloser geht es nicht." Am 30. Juni 1995 erklärt Bundeskanzler Kohl, nach einem Gespräch mit Berlins Regierendem Bürgermeister Diepgen, der Jackob Marks Entwurf sei inakzeptabel.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland warnt vor einer Verzögerung beim Bau des Mahnmals. Bausenator Nagel erklärt im Januar 1996, dass es keinen weiteren Wettbewerb geben wird. Im April 1997 beschließen Bund, Land Berlin und Förderkreis neue Entwürfe für das Mahnmal zu erbitten und einen neuen Standort in Erwägung zu ziehen. Um einen Wettbewerb zu kaschieren, wird behauptet es handelt sich um ein "engeres Auswahlverfahren". Es findet im Juni 1997 ein neuer Wettbewerb um das Mahnmal statt: 25 in- und ausländische Künstler und Architekten werden eingeladen, Entwürfe vorzulegen- die ersten neun Preisträger und 16 weitere Teilnehmer. Im November 1997 nimmt die Jury vier Entwürfe in die engere Wahl, unter ihnen ist keine in der ersten Ausscheidung prämierte Einreichung. Daraufhin "verteidigen" die vier Künstler im Januar 1998 ihre Entwürfe im Marstall: Eisenman und Serra, Jochen Gerz, Daniel Liebeskind und Gesine Weinmiller. Der Eisenman/Serra- Entwurf sieht ein begehbares Feld von 4200 dicht beieinanderstehenden Betonstelen vor.

Im April 1998 legen Eisenman und Serra einen überarbeiteten Entwurf vor und im Juni 1998 zieht sich Serra aus der Zusammenarbeit mit Eisenman zurück. Eisenman stellt einen neuen modifizierten Entwurf vor: Er ist kleiner als ursprünglich, von Bäumen umgeben und weithin in die Erde eingelassen. Der Berliner Senat beschließt am 25. August 1998, sich erst nach den Bundestagswahlen mit dem Mahnmal zu befassen. Am 9. Oktober wird in Berlin bekannt, dass im Entwurf für den nächsten Bundeshaushalt Berlin als "künftiger Träger dieser Anlage" bezeichnet wird. Einen Tag später fordert die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der KZ- Gedenkstätten eine schnelle Entscheidung des Bundestages. Zehn weitere Tage später unterzeichnen SPD und Grüne eine Koalitionsvereinbarung in der steht, dass der Bundestag über die Frage des Holocaust- Denkmals entscheiden wird. Am 10. November 1998 stellt Bundeskanzler Schröder in der Regierungserklärung fest, über das Denkmal werde "nicht per Exekutivbeschluss entschieden, sondern- unter Berücksichtung der breiten öffentlichen Debatte- im Bundestag." Drei Tage später findet die Konstituierung des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages statt, dieser wird in der Folgezeit die Federführung in der Frage des Denkmals übertragen.


Im Dezember 1998 und Januar 1999 entwickelt der Beauftragte der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien mit dem Architekten Peter Eisenman einen modifizierten Entwurf, der über das Denkmal hinaus edukative Elemente- Museum, Forschungsstätte, Bibliothek enthält. Die Realisierungskosten liegen bei mindestens 150 Millionen Mark und es beginnt eine neue öffentliche Debatte über alternative inhaltliche Konzeptionen und Rechtsfragen im Zusammenhang der laufenden zweiten Wettbewerbsstufe.


Modell Eisenman-Entwurf

Am 21. Januar 1999 werden die vier Modelle der Realisierungsphase der zweiten Wettbewerbsstufe und des Konzepts Eisenman 3, im Rahmen einer Pressekonferenz, vorgestellt. Der Vorschlag des SPD- Politikers Richard Schröder, ein einfaches Mahnmal mit der Inschrift "Nicht morden" wird im März 1999 heftig diskutiert. Am 13. April 1999 vertritt Ignatz Bubis in einem Interview des Westfälischen Anzeigers, die Meinung dass das Holocaust- Mahnmal nicht mehr realisiert wird und dass der Bundestag zu keinem Ergebnis kommen werde. Im selben Monat macht Kulturstaatsminister Naumann den Kompromiss-Vorschlag, die ursprünglich geplante Bibliothek wegfallen zu lassen und das "Haus der Erinnerung" zu verkleinern.

Am 25.Juni 1999 beschließt der Bundestag mit großer Mehrheit die Errichtung eines Holocaust Mahnmals in Berlin. Die Abgeordneten stimmen für die Realisierung des Eisenman-Entwurfs plus zusätzliches Informationsangebot über den Holocaust. Baubeginn für das Mahnmal soll der 27.Januar 2000 sein. Im November 1999 wird die Gründung einer "unselbstständigen Stiftung" eingeleitet. Vorsitzender des Gremiums der Mahnmal-Stiftung wird Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Am 27. Januar 2000 fand nach der Feierstunde des Bundestages auf dem Gelände des geplanten Holocaust-Mahnmales in Berlin ein "symbolischer Baubeginn" statt. Südlich des Brandenburger Tores wurden in Anwesenheit von Bundestagspräsident Thierse sowie Bundespräsident Rau und Bundeskanzler Schröder ein Gerüst mit vier Informationstafeln eingeweiht. Thierse sagte, die Deutschen seien es den Opfern und sich selbst schuldig, dass man die Leiden nicht vergesse. Mit Fertigstellung des Mahnmales wird im Jahr 2002 gerechnet.

Nach dieser kurzen Chronologie möchte noch einige Pro- und Contra- Meinungen über die Notwendigkeit eines solchen Mahnmals anfügen. Aus einer Rede in der Debatte zum Holocaust- Denkmal am 25.Juni 1999 im Deutschen Bundestag, lassen sich folgende Begründungen für ein Mahnmal entnehmen:

"...Natürlich stimmt es, wenn Ignatz Bubis sagt, er brauche ein solches Mahnmal eigentlich nicht, das wahre Mahnmal sei in seinem Herzen. Aber was für den deutschen Juden Ignatz Bubis gilt, das kann und darf für uns, die Nachkommen der Täter, nicht in gleichem Maße gelten. Denn nicht für die Juden, ob deutsche, ob andere, bauen wir dieses Denkmal, sondern für uns - als unser ureigenes Bekenntnis zu einem politischen Selbstverständnis... Vor diesem Denkmal dürfen Wegsehen und Gleichgültigkeit keinen Bestand haben! ... keinerlei Geringschätzung der anderen Opfergruppen darstellt, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der geistig Behinderten. Wir bleiben in der Pflicht, für ein würdiges Gedenken ihrer jeweiligen Schicksale zu sorgen. .... Ich setze darauf, dass sich bei diesem Mahnmal das einstellt, was sich sein Gestalter selbst davon erhofft: dass es einen "Terror der Einsamkeit" entfaltet. Ein Nebeneinanderherlaufen zwischen den Stelen gibt es nicht, es gibt keinen Eingang, keinen Ausgang, kein Zentrum. So widersprüchlich es klingen mag: Auf diese Weise wird es denkbar, dass sich bei dem Besucher ein Verständnis des Unvorstellbaren einstellt. Auf diese Weise kommt es am ehesten dem nahe, was Jürgen Habermas die "geeignete Sprache" einer kompromisslosen Kunst für ein solches Denkmal genannt hat, ausgedrückt in einem "unaufdringlichen Pathos des Negativen". ...Historische Aufklärung kann politisches Bewusstsein schaffen und das Geschehene in Erinnerung bringen. Aber Trauer um die Toten, Empathie mit den Opfern stellen sich dadurch noch nicht ein. Orte des Gedenkens hingegen zielen auf Empathie, sie entwickeln - so sie gelungen sind - eine begriffslose Ausdruckskraft, eine geradezu sinnliche Wucht. ... Das Denkmal, über das wir heute entscheiden, richtet sich an die zukünftigen Generationen mit der Botschaft: Scham ist ein Moment unser menschlichen Würde; aus dem politisch-praktischen Gedenken unserer mit unfassbarem Unrecht verknüpften Geschichte erwächst moralische Gegenwartsverpflichtung und Zukunftsfähigkeit. Darum geht es."

Als nächstes möchte ich auf einen der bekanntesten Gegner des Denkmals eingehen, auf Martin Walser. Auf der Frankfurter Buchmesse im Februar 1998 bekräftigte, der mit dem Friedensnobelpreis des Buchhandels ausgezeichnete Schriftsteller, seine schon früh geäußerte Kritik am Mahnmal:

"Es würde Schändungen provozieren. Da kommen Halb- oder Dreiviertel- Erwachsene mit Spraydosen, und man kann sich denken, was denen zuerst einfallen würde. Wir kämen aus den Schlagzeilen gar nicht mehr heraus."

Er hält es für sinnvoller, wenn die Schüler zum Beispiel Victor Klemperers Tagebücher läsen und dann auf einer Klassenreise die jüdischen Spuren in Dresden suchten: "Das Gewissen darf keine Geschmackssache werden, und so etwas wäre immer Geschmackssache." Außerdem kritisierte Walser in seiner Rede in der Paulskirche die "Instrumentalisierung" der deutschen Vergangenheit: "Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden." Er äußert sich auch gegen eine "Dauerpräsentation unsere Schande" in den Medien. Ferner warnt er Schriftsteller davor, sich als moralische Instanzen zu verstehen. Gewissen sei nicht delegierbar. Auch trifft er folgende Aussage über das Mahnmal: "In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlen. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande. Der Historiker Heinrich August Winkler nennt das >negativen Nationalismus<. Dass der, auch wenn er sich tausendmal besser vorkommt, kein bisschen besser ist als sein Gegenteil, wage ich zu vermuten. Wahrscheinlich gibt es auch eine Banalität des Guten."

Es gibt noch weiter Äußerungen für und gegen das Denkmal, sowohl von Prominenten, zahlreiche Zeitungskommentare und Leserbriefe. Auf all diese einzugehen würde den Rahmen dieser Ausarbeitung sprengen.

verfasst von: Anne Kretschmer


(C) LGD 2010 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken