Jurek Becker "Jakob der Lügner"

Biographisches

Jurek Becker wurde am 30. September 1937 in einer jüdischen Familie in Lodz, ehemals Litzmannstadt in Polen geboren. Das Geburtsdatum wurde von seinen Eltern bald schon zurückgesetzt, um ihn älter erscheinen zu lassen und ihn damit vor dem Abtransporten in Konzentrationslager zu bewahren. Das richtige Datum war ihm selbst lange nicht bekannt. Sein Vater Max Becker (1900-1972) arbeitete als Angestellter, später als Prokurist in einer Textilfabrik. 1939 wurde Jurek Becker zusammen mit seiner Familie ins Getto von Lodz "umgesiedelt".


Jurek Becker

Drei Jahre danach kam er zunächst in das KZ Ravensbrück, später nach Sachsenhausen. Nach der Befreiung durch die Rote Armee 1945 fand ihn sein Vater, der Auschwitz überlebt hatte, durch eine amerikanische Suchorganisation wieder. Außer Jurek, seinem Vater und einer Tante, die vor dem Einmarsch der Deutschen in die USA flüchtete, wurden alle Familienmitglieder, auch seine Mutter, durch die Nazis umgebracht.
1945 zog Jurek Becker mit seinem Vater nach Ost-Berlin. Der Vater begründete diesen Schritt damit, dass in der sowjetischen Besatzungszone Antifaschisten an der Macht wären, welche gründlich gegen den Antisemitismus vorgingen. Das Leben in Ost-Berlin brachte jedoch einige Schwierigkeiten mit sich, unter anderem, weil Becker die deutsche Sprache nicht beherrschte und damit von seinen Schulkameraden als "Fremder" erkannt und mit Verachtung gestraft wurde. Trotz allem war es aber akzeptabel, vor allem weil Juden zu Recht einige Privilegien genossen und z.B. bessere Lebensmittelkarten bekamen.

1955 machte Jurek Becker das Abitur und leistete anschließend zwei Jahre Militärdienst in der NVA. Außerdem war er Mitglied der FDJ. Zwei Jahre später entschied er sich für das Philosophiestudium und wurde Mitglied der SED. Aus politischen Gründen wurde er 1960 von der Universität relegiert. Er begann ein kurzes Film-Szenarium-Studium im DDR - Filmzentrum Babelsberg, wo er mehrere Kabarett-Texte schrieb. 1962 wurde er festangestellter Drehbuchautor bei der DEFA und schrieb einige Fernsehspiele und Drehbücher.

Als 1968 sein Drehbuch "Jakob der Lügner" abgelehnt wurde, arbeitete er es zu seinem ersten Roman um, welcher1969 erschien und 1974 doch noch verfilmt wurde. 1971 erhielt er den Heinrich-Mann- und den Charles-Veillon-Preis. Im Jahr darauf starb sein Vater.
Bis 1975 erhielt er noch einige Auszeichnungen für den Roman "Irreführung der Behörden". Weil sich Becker gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann und Reiner Kunze aussprach, wurde 1976 aus der SED ausgeschlossen. Daraufhin stellte er einen Antrag auf Ausreise aus der DDR und ging 1977 in den Westen, da seine Werke abgelehnt, bzw. nicht mehr verlegt wurden.

Von 1978-1984 erschienen zwei weitere Romane ("Schlaflose Tage" & "Aller Welt Freund") und eine Sammlung von Erzählungen. Jurek Becker wurde Gastprofessor an Universitäten und hielt mehrere programmatische Vorträge. 1986 erschien der Roman "Bronsteins Kinder" und das Drehbuch für die erfolgreich Fernsehserie "Liebling Kreuzberg", für die er 1987 zusammen mit seinem besten Freund Manfred Krug und Heinz Schirk mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet wurde. 1989 machte er als Gastdozent in Frankfurt und 1992 mit seinem letzten Roman "Amanda Herzlos" von sich reden. Er starb am 14. März 1997 an Krebs.

Auf die Frage, ob er Jude sei, antwortete er: "Meine Eltern waren Juden." Er selbst bezeichnete sich als Atheist, da er von seinem Vater nie ins Judentum eingeführt wurde, aber auch nicht von allein damit vertraut wurde. An die Zeit des Holocaust und seine restliche Familie konnte er sich nicht mehr erinnern.


"Jakob der Lügner"

Der 1969 erschienene Roman Beckers erzählt das Leben des polnischen Juden Jakob Heym, einem anonymen Überlebenden, welcher im Warschauer Ghetto wohnte. Dieser wird von einem deutschen Posten mutwillig auf das Wachrevier im Ghetto geschickt. Hier hört er zufällig eine Rundfunknachricht vom Vorrücken der Roten Armee. Unverhofft wird Jakob wieder aus dem Revier entlassen. Durch die Radionachricht findet er neuen Lebensmut. Doch nach dem Revierbesuch muss Jakob befürchtet, dass ihn die anderen Ghettobewohner als Spitzel verachten. Noch nie hat bisher ein Jude das Revier lebend verlassen. Jakob Heym gibt sich vor den anderen als Besitzer eines Radios aus, obwohl dies nicht der Wahrheit entspricht, im Ghetto ist der Besitz von Rundfunkgeräten unter Androhung der Todesstrafe verboten. Täglich trägt Jakob trägt nun durch die Weitergabe erfundener Rundfunknachrichten vom Vorrücken der Roten Armee zur Stärkung des Widerstandswillens gegen die Nazis bei, kann aber die Deportation der Juden aus dem Ghetto in die Vernichtungslager nicht verhindern.

Es ist ein sehr eigenwilliges und literarisch eindrucksvolles Bild vom Alltagsleben der Opfer des Faschismus. Die kommentierenden Eindrücke des Ich-Erzählers unterbrechen den chronologischen Handlungsablauf und schaffen eine ironische Distanz. Für diesen Roman recherchierte Becker die Ghettowirklichkeit so genau wie möglich, um sie dann bewusst anders zu schildern, da es sich bei einer bestimmten Art von Darstellung nicht um eine Unfähigkeit, sondern um eine absichtliche Produktion handeln sollte. Sein Vater teilte diese Meinung allerdings nicht. Er hatte ihm die Grundlagen für das Werk geliefert und war über das Ergebnis so entsetzt, dass er ein Jahr lang nicht mit seinem Sohn sprach.

verfasst von Sebastian Wagner


(C) LGD 2010 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken