Aufstieg und Krise im 18./19. Jh.

Für die Juden in Deutschland brach in dieser Zeit eine schwere Identitätskrise aus. Einerseits wurden sie in dem Staat geduldet und hatten (einige) Rechte, andererseits waren sie Verfolgungen und Anfeindungen ausgesetzt. Diese Entwicklung nahm auch in anderen Staaten ihren Lauf. Die jüdische Bevölkerung spaltete sich nun in 2 Teile: die einen versuchten sich anzupassen, indem sie den Gesetzen genüge taten; die anderen bekämpften die Unterdrückung, indem sie sich dagegen wehrten.

Die Juden in Berlin und ganz Deutschland hatten kaum Anteil an der Entwicklung des Landes. Ihr Leben spielte sich im Sinne der Traditionen ihres Volkes ab. Sie hatten Freiraum nur innerhalb der Gemeinde und der Familie, wo sie menschliche Zuneigung empfingen und verteilten. Nach außen hin war das Judentum eine Klasse mit verminderten Rechten am Rande der Gesellschaft. Wenn überhaupt, dann hatten jüdische Familien oft nur sehr unerfreulichen Kontakt zu Christen. Sie lebten in ärmlichen Verhältnissen, wobei kleine Gruppen als Vieh- und Kornhändler tätig waren. In Berlin gelang einer geistig – literarischen Elite ein Anschluss an die gebildete Welt. Doch dazu später mehr.

Der Grundstein im schweren Kampf um Gleichberechtigung wurde in der Französischen Revolution 1789 gelegt. Die Schlagworte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ galten hier erstmals auch für die Juden. Jedoch waren Diderot, Baron d’Holbach und Voltaire Judenhasser. Sie waren zwar der Meinung, dass alle Menschen gleichberechtigt sein sollten; doch es bestand für sie die Frage, ob Juden wirklich Menschen sind. Montesqieu wiederum trat für die jüdische Bevölkerung in Frankreich ein.


Am 28.09.1791 sprach man den Juden erneut Rechte zu, unter der Voraussetzung, dass die Juden sich sofort in die christliche Gesellschaft eingliedern. Sie waren somit französische Staatsbürger und galten nun nur noch als Glaubensgemeinschaft. Einen ähnlichen Verlauf nahm die Emanzipation auch in Deutschland. Die Schlagworte der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden zum ersten Mal auch auf die Juden angewandt nach dem Siegeszug der französischen Armeen unter Napoleon durch Preußen. Erst aufgrund der Besetzung wurden die Juden den Bürgern gleichgestellt.


Napoleon der Große stellt den Kultus der Israeliten wieder her, 30. Mai 1806. Kupferstich, Paris 1806


Aber die Meinung Napoleons zu dem Thema Juden schwankte oft zwischen Gegensätzen hin und her: Einerseits hatte er auf seinem Ägyptenfeldzug den Plan, Jerusalem aufzubauen, andererseits äußert er sich oft verächtlich über die Juden und hatte vor, das Judentum durch Schließung von Mischehen aufzulösen. Als der französische Kaiser die jüdischen Vertreter einberief, versuchte er das Judentum für sich zu gewinnen. 1807 erklärte der französische Gerichtshof die Verwirklichung der Menschenrechte für Juden. Die Juden waren bereit, alle religionsgesetzlichen Pflichten hinter die staatsbürgerlichen zu stellen. Am 17.03.1808 wird von Napoleon dann das sog. „schändliche Dekret“ veröffentlicht. Der jüdischen Bevölkerung wurde das Recht des Handels, des Gewerbes und der Freizügigkeit eingeschränkt. Dieses Gesetz betraf v.a. die ärmsten Juden. Viele Kunden der jüdischen Kaufleute widersetzten sich diesem.

Die Emanzipation der Juden ging in Deutschland nur sehr langsam vor sich. 1781 veröffentlichte Christian Wilhelm Dohm, Kriegsrat im Departement für auswärtige Angelegenheiten in Berlin, das Werk „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“. Darin ruft er die Juden dazu auf, nützlichere Glieder für den Staat und die Gesellschaft zu werden. Dadurch würden sie selbst glücklicher und somit keinen Anfeindungen mehr ausgesetzt.

Aufgrund allerlei Anfeindungen breiteten sich die Juden auf den industrialisierten Westen aus. Eine große Anzahl derselben siedelte sich in Amsterdam an. Viele Aschkenasim fristeten als Händler ein kümmerliches Dasein. An einigen Orten wird bis ins 19. Jh. hinein noch Jiddisch gesprochen: die gemeinsame Sprache half beim Eingliedern anderer Juden in den Lebenskreis und die Gemeinschaft der Glaubensanhänger.

Aber auch in anderen Staaten wurden die Juden langsam akzeptiert. 1791 gewährte man in Amerika den jüdischen Religionsanhängern mit der „Bill of Rights“ völlige Glaubensfreiheit. In Holland verabschiedete die erste Nationalversammlung 1796 eine jüdische Bürgerrechtsvorlage und 1797 wurden sogar 2 jüdische Abgeordnete in die Nationalversammlung berufen. In Italien rissen Christen Ghettomauern nieder und vernichteten „Judenzeichen“. England war den anderen Staaten in Sachen Judenemanzipation um einiges voraus: Mitte des 17. Jahrhunderts wurde ihnen religiöse Versammlungsfreiheit gewährt. 1714 veröffentlichte John Toland die Schrift „Reasons for Naturilizing the Jews“. Diese wurde von den beiden Häusern in London 1753 akzeptiert, aber unter dem Druck der Bevölkerung zurückgenommen. Ende des 18. Jahrhunderts waren die wohlhabendsten jüdischen Familien in die Gesellschaft integriert und ihnen wurden hohe Ämter zuteil. Im Habsburger Reich hatten die Juden keinen Anteil am Staat und sie wurden gesellschaftlich ausgegrenzt.

Sie unterlagen Vorschriften, wie z.B. dem Tragen eines gelben Abzeichens. Viele Gewerbe- und Handelszweige waren ihnen verschlossen, zunächst auch der Besuch sämtlicher Bildungseinrichtungen. Außerdem musste die jüdische Bevölkerung besonders hohe Steuern zahlen. Unter Joseph II. erschienen zwischen 1781 und 1789 einige Judenpatente, die für die Juden neue Pflichten, aber auch neue Rechte bedeuteten: sie sollten einen deutschen Namen annehmen und Deutsch lernen, die Kinder waren verpflichtet eine Grundschule zu besuchen, Männer hatten Wehrpflicht zu leisten, aber ihnen wurden auch Bildungsstätten wieder zugänglich gemacht, was ihnen ein Gefühl von Heimat gab. 1772, 1793 und 1795 wurde Polen unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt. Russland stand unter dem Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche und war nun von den vielen Juden aus den polnischen Gebieten nicht sehr angetan. Die Juden hatten somit unter den verschiedensten Zaren einiges zu erdulden: Unter Katharina II. und Alexander I. wurden sie schrittweise „zum Schutz der Bevölkerung gegen das Unrecht jüdischen Konkurrenz“ in ein Sperrgebiet im früheren Polen verbannt. Sie hatten dort keinen Ausgang und somit war das der Beginn der folgenschweren Ghettoisierung.

Nikolaus I. erzwang brutal die Taufe der Juden. Da diese sich nicht selten dagegen wehrten, reagierte der Zar mit der Einschränkung der Siedlungsgebiete. Er verbot das Tragen der markanten Schläfenlocken und forderte hohe Steuern für das Tragen von Kaftan und Käppchen. Er schloss jüdische Buchdruckereien und unterwarf importierte jüdische Bücher einer strengen Zensur. Nikolaus I. führte die Wehrpflicht für die Juden ein mit einer Dienstzeit von 25 Jahren. Nachfolger Alexander II. widerrief zwar die meisten Gesetze, jedoch beschimpfte er die Juden als „Verseucher des slawischen Geistes“ und somit waren diese wiederum aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Unter Alexander III. wurden Pogrome zur Staatspolitik, womit der Bevölkerung ein Ventil für Verärgerung geschaffen wurde. Die Ritualmordlüge wurde ebenfalls wieder verbreitet. Durch die „Maigesetze“ von 1882 folgte eine weitere Entrechtung und viele Juden flohen vor den Gewaltausschreitungen von Russland nach Amerika.

Viele Juden hatten nun Erfahrungen in Europa gesammelt und waren nicht selten überrascht und überwältigt. Es existierte ein „Bild des Juden, der aus dem Dunkel des Ghettos geblendet und verwirrt in das Licht der Freiheit stolpert.“ Durch die Integration in Heer, Regierung und freien Berufen ging aber die jüdische Identität vielerorts verloren. „Das Leben im Ghetto war zwar aufgezwungen, aber es bot auch Schutz vor Einflüssen von außen.“ Die Grausamkeiten vieler Christen und anderer Religionen an den Juden wurden von den Juden selbst als Strafe für zahlreiche Sünden gesehen.

Um die Wende zum 19. Jahrhundert wohnten in Berlin ca. 3000 Juden, welche 2 % der Gesamteinwohnerzahl bildeten. Sie lebten in erbärmlichen Verhältnissen und nur wenige waren wohlhabend. Ihre Berufe waren unter anderem Kleinhändler, Bediensteter, Gemeindebeamter, Metzger, Lehrer, Handwerker, Goldschmied oder Buchbinder; sie alle gehörten aber keiner Zunft an. Vereinzelte „registrierte“ Familien hatten einige Rechte und aus diesem Milieu stammen Wissenschaftler, Schriftsteller, Musiker, Bankiers und Großkaufleute, die später als Reformer und Vorkämpfer der Gleichberechtigung galten. Berlin bot einiges an Herbergen für Durch- und Zuwanderer der jüdischen Viertel. So wurden z.B. Schausteller, Bettler, Vagabunden und auch Berufsdiebe freundlich aufgenommen. Diese Herbergen waren Sammelplatz und Treffpunkt für die untersten Schichten und spielten somit eine bedeutende Rolle. Von der Regierung erfolgte das Gesetz, dass nur denjenigen Zugang gewährt werden darf, die nur kurze Zeit bleiben oder eine Arbeit nachweisen konnten. Die anderen wurden einfach abgeschoben.


Am 11.03.1812 erließ Karl August Fürst Hardenberg ein königliches Edikt über die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Preußen. Demütigend wurde dabei von den Juden der Paragraph 9 empfunden, in dem sich der König die Zulassung selbiger zum Staatsdienst vorbehielt. In Deutschland herrschte aber keine Einigkeit bei der Emanzipationsfrage. So war das Großherzogtum Baden einer der Vorkämpfer, indem es 1809 ein Gesetz über die Gleichberechtigung der Juden des Landes erließ. Andere deutsche Staaten wiederum hielten an mittelalterlichen Vorstellungen fest. Die Juden glaubten sich nun fast am Ziel ihres schweren Kampfes um Gleichheit. Durch den Prozess der Industrialisierung wurden die Zünfte aufgelöst und die Juden hatten somit freien Zutritt zu fast allen Geschäftszweigen. Nun bestand auch eine Begeisterung für das Vaterland Deutschland.


"Der Ausmarsch der Freiwilligen" Im Vordergrund verabschieden sich jüdische Eltern von ihrem Sohn. Zeitgenössischer Holzstich.


Jüdische Freiwillige zogen für Deutschland in den Krieg und erhielten dafür Orden: einer den Orden Pour le Mérite, 82 das Eiserne Kreuz, 23 wurden Offiziere. In der Schlacht von Belle Alliance fielen 55 jüdische Soldaten, aber ihre Witwen erhielten keine Rente, da ein Beschluss von 1815 festlegte, dass die Familien von jüdischen Freiwilligen keinen Anspruch auf staatliche Versorgung haben.
1812 wurden mit den Preußischen Reformen die Ghettos im westlichen Teil Deutschlands abgeschafft und die Juden bekamen zeitweilig Bürgerrechte, auch wenn ihnen Staatsämter weiterhin verwehrt blieben.

Durch den Wiener Kongress von 1814/15 wurde das Staatensystem neu geordnet. Wiederum fanden Diskussionen über die Gleichberechtigung von Juden statt. Die Judenfeinde siegten aber in diesem Kampf und somit werden alle Rechte der jüdischen Bevölkerung, die sie unter der französischen Herrschaft besaßen, aufgehoben. Es folgten nun daraufhin erneut Judenverfolgungen und Pogrome. Sie werden von Universitäten und Akademien ausgeschlossen und aus dem öffentlichen Leben verbannt. Viele Juden traten nun zum Christentum über. 1819 werden viele Überfälle auf jüdische Viertel gestartet. Aber 1845 gewinnen die ersten Juden in den Rheinprovinzen ihre Bürgerrechte wieder und es folgten weitere Bundesstaaten, die die Emanzipation unterstützten.

Am 29.12.1818 fasste der Hofrat Karl von Widmann die Meinung Joseph II. so zusammen: Die zukünftige Politik müsste so gestaltet werden, „indem man sich ... zum Ziele setzte, das Universum der Judenschaft unschädlich, die Individuen aber nützlich zu machen“. Dieser Satz war symptomatisch für die Judenpolitik des aufgeklärten Absolutismus.
Juden reagierten auf diese Abwertung mit folgender Theorie: Um die Emanzipation durchzusetzen, müsse man die negative Haltung vieler Christen den Juden gegenüber abbauen. Da die Ablehnung vielfach auf Unwissenheit beruhte, veröffentlichte man viel über Geschichte, Kultur, Liturgie und Philosophie der jüdischen Religion.

Viele Juden ließen sich taufen um den Pogromen zu entgehen. „Heinrich Heine hatte wohl recht, wenn er die Taufe als ‚Entreebillet in die europäische Kultur‘ bezeichnete.“ Neue Ziele des Judentums erwuchsen aus der ständigen Unterdrückung: Humanismus und Kosmopolitismus. In den führenden jüdischen Schichten entwickelten sich schöngeistige Bestrebungen, die schließlich in den Berliner Salons ausgelebt wurden, welche zu literarischen und gesellschaftlichen Mittelpunkten wurden. Aufgeschlossene Künstler, Wissenschaftler und Politiker aus Berlin statteten diesen Salons gern einen Besuch ab; so z.B. Wilhelm und Alexander von Humboldt, Jean Paul, Heinrich von Kleist, Schlegel, Heinrich Heine, Mirabeau oder Ludwig Tieck. Diese scheinbar friedliche Entwicklung wurde aber bald durch den Antisemitismus zerstört.

verfasst von: Kristina Neumann, Susan Müller und Veronika Grundmann


(C) LGD 2010 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken