StartseitePersönlichkeitenLiteraturHeinrich Heine

Heinrich Heine gilt als umstrittenster deutschsprachiger Autor des 19. Jahrhunderts. Er ist der meistgeliebte und zugleich meistgeschmähte deutsche Dichter jüdischer Herkunft. Heine war zugleich Romantiker und Poet, Politiker und Ironiker, Jude und Deutscher, Europäer und Emigrant. Durch die farbige Mischung von poetischem Genie und journalistischer Begabung galt und gilt er heute noch oftmals als "geistreicher Spötter". Oftmals wurde ihm Subjektivismus, Respektlosigkeit und Gesinnungsmangel vorgeworfen. Trotz seiner jüdischen Herkunft ließ sich Heine christlich taufen. Dieser angebliche Gesinnungsmangel wurde und wird von vielen Kritikern als fragwürdig betrachtet.

Heinrich Heine - 1797-1856

Kurzer biographischer Überblick

11. Dezember 1797 - Harry Heine wird in Düsseldorf geboren, jüdische Eltern: Betty und Samson Heine (Textilkaufmann)

1803- 1807 - Unterricht an Privat- und Normalschule in Düsseldorf

1809 - Eintritt am Düsseldorfer Lyzeum

1811 - Heine erlebt begeistert den Ritt Napoleons durch den Hofgarten

1814 - Abgang vom Lyzeum ohne Reifezeugnis

1816-1819 - Lehre im Bankhaus seines Onkel Salomon Heine in Hamburg

1820 - Einschreibung an Göttinger Universität (Verwicklung in Duell)

1821 - Einschreibung an Universität in Berlin

1822/23 - Aufenthalt in Polen, Lüneburg und Hamburg

1824 - Wiederaufnahme seines Studiums in Göttingen, Harzreise

1825 - Doktortitel, Taufe (Namensänderung: Heinrich)

1826 - der erste Teil der Reisebilder erscheint, später noch drei weitere

1827 - Reisen nach München und England, "Buch der Lieder" erscheint

1828 - Italienreise, Tod des Vaters

1831 - freier Schriftsteller in Paris

1834/35 - "Die Romantische Schule" entsteht, Verbot aller unzensierten Schriften Heines in Preußen

1841 - Heirat mit Mathilde, Heine lernt Karl Marx kennen

1844 - Onkel stirbt, Erbschaftsstreit, "Deutschland. Ein Wintermärchen"

1848 - zunehmende Lähmungserscheinungen, Aufenthalt in einer Heilanstalt

17. Februar 1856 -Tod Heines, Beisetzung auf dem Friedhof Montmartre



Der Einfluss des Judentums auf Heines Leben

Prägungen schon in der frühen Kindheit
Harry Heine wird am 11. Dezember 1797 in Düsseldorf, als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Eigenartig ist, dass Heine als deutscher Jude den Namen Harry erhielt. Sein Vater übernahm diesen englischen Namen von einem Freund. Unter diesem Namen wird er auch vom Rabbiner in das Buch der Gemeinde eingetragen. Ob er als Säugling am achten Tag nach seiner Geburt, also am 21. Dezember 1797, beschnitten wurde, ist bis heute unklar. Es ist aber gut möglich, dass sich seine Mutter Betty Heine, die sich den Maximen der Aufklärung verpflichtet hatte, gegen eine Beschneidung ausgesprochen hatte. Sein Vater Samson Heine war Textilkaufmann, was für Juden dieser Zeit ein sehr typischer Beruf war. Beide Elternteile entstammten wohlhabenden jüdischen Familien, die den Hoffaktoren angehörten. Das ist auch der Grund, warum beide bestimmte Privilegien inne hatten, wie zum Beispiel Ghettofreiheit und Gehalt. So wurde es Heine später auch möglich eine Privatschule zu besuchen. Da Düsseldorf, der Wohnort der Familie Heine, unter französischer Besatzung stand, fand schon eine gewisse Emanzipation der Juden Ende des 18. Jahrhunderts statt. Zum Beispiel erhielten Juden bürgerliche Rechte, sie erhielten die Möglichkeit zur freien Berufswahl und es gab keinen Ghettozwang mehr.

Die beruflichen Wünsche und Hoffnungen der Juden konnten in keiner anderen Stadt Deutschlands in diesem Maße realisiert werden. Das ist wohl auch der Grund, warum der junge Heine Napoleon so sehr liebte. Anders als zu erwarten, genoss Heine eine weltliche Erziehung, da seine Mutter von den Erziehungskonzepten Rousseaus angetan war. Sie bestand allerdings darauf, dass ihr Sohn ein Kaufmannslehre beginnt, denn seine Zukunft sollte abgesichert werden. Nach einem Besuch hinterließ das ehemalige mittelalterliche Judenghetto in Frankfurt einen bleibenden Eindruck. Heine gehörte zur ersten dem Ghetto entronnenen Generation.

Napoleons Einzug - in Düsseldorf 1811 (Kolorierter Kupferstich von J. Petersen)

Heines Engagement

Das Jude-Sein prägte Heine in so starkem Maße, dass er sich in die Literatur flüchtete, obwohl seine Mutter ganz andere Vorstellungen für seine Zukunft verfolgte. Vieles aus den umfangreichen Werken Heines erschließt sich erst durch den Bezug zum Judentum. Allerdings waren es weniger die jüdische Religion und die Rabbiner, die Heine als Schriftsteller und Dichter positiv inspirierten, sondern vielmehr einzelne Persönlichkeiten und die Erfahrung, als Jude aufgewachsen zu sein. In dem Werk der "Rabbi von Bacherach" versuchte er den Menschen in Bezug auf die "Judenfrage" die Augen zu öffnen, aber sein Versuch blieb ohne Erfolg. Heine vermochte es wie kein anderer die Situation der Juden in seinen Werken zu sublimieren und zu kompensieren.1822, also mit 25 Jahren, trat er dem "Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" bei. Anliegen dieses Vereins war es, die geistigen Ghettomauern zu durchbrechen und die jüdische Bevölkerung der Schätze europäischer Kultur und Bildung teilhaftig werden zu lassen. Es gab allerdings einige Probleme, denn einerseits bekämpften die Traditionsjuden den Verein, andererseits die christliche Reaktion. Heine distanzierte sich kurze Zeit später von dem immer sektenähnlicher werdenden Verein.

Antisemitismus

Seine Studienjahre verbrachte Heine an Universitäten in Bonn, Berlin und Göttingen. Dort auch wurde er zunehmend mit Antisemitismus und Unfreiheit konfrontiert . In Göttingen wurde er aus der Burschenschaft "Allgemeinheit" ausgeschlossen, weil er angeblich ein unkeusches Leben geführt hatte. Der wirkliche Grund allerdings war seine jüdische Herkunft. Heine hat einfach nicht in die "christlich-deutsche" Burschenschaft gepasst und galt als Außenseiter.

Doch Heine ließ sich nicht auf Grund seines Glaubens aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen. Er forderte zum Duell auf, worauf er in Göttingen von der Universität verwiesen wurde. Ab 1822 verschärfte sich in Preußen der Rechtsdruck. Man hob zum Beispiel das Judenedikt von 1812 wieder auf, 1823 schloss man sogar Synagogen. Reformen waren unmöglich geworden. Doch auch dadurch ließ sich Heine nicht entmutigen, weiter an literarischen Werken zu arbeiten.

Da das Schriftstellerdasein im 19. Jahrhundert noch als Beschäftigung galt und nicht als Beruf, war Heine gezwungen, einen bürgerlichen Beruf auszuüben. Um dieses Ziel zu erreichen, sagte er sich vom jüdischen Glauben los. So ließ er sich am 28. Juni 1825 nach religiöser Unterweisung und Prüfung evangelisch-lutherisch taufen. Damit war der Übertritt zum Christentum vollzogen. Für Heine hatte diese Konversion allerdings keine tiefere Bedeutung - es galt für ihn lediglich als "Entreebillet zur europäischen Kultur". Trotzdem gelang es Heine nicht, einen Lehrauftrag an einer Universität zu bekommen. Sein Jude-Sein konnte er einfach nicht abwaschen.

Heinrich Heine
An Edom!

Ein Jahrtausend schon und länger,
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, daß ich atme,
Dass du rasest, dulde Ich.
Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Mut,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!
Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie Du.
[Zum "Rabbi von Bacherach"]

Frankfurt am Main - Judengasse (Stahlstich von J.F. Dielmann, 1830)

Heines Haltung zum Judentum

Letztendlich kann man sagen, daß Heine keiner Religion abhold und keiner richtig zugeneigt war. Das Judentum bot in seinem damaligen Entwicklungsstadium keinen Trost und keine Eingliederungsmöglichkeiten. Wie sehr er wirklich an seinem Judentum und an seinem Deutschtum gelitten hat, kann man heute nur noch erahnen. Man könnte sogar behaupten, daß die deutsche Bevölkerung Heine förmlich dazu genötigt hat, mehr als ein deutscher Autor zu werden. So entwickelte sich Heine mit zu den einsamsten und tragischsten Dichtern der deutschen Literatur. Viele Freunde Heines hatten gehofft, sie könnten ihm den Eigensinn und die Religiosität austreiben und ihm seinen persönlich gestalteten Gott nehmen, doch dies war zu keiner Zeit seines Lebens möglich. In der Matratzengruft, in den letzten schmerzhaften Stunden seines Lebens, kehrte er dann zum Judentum zurück, um in ihm Kraft zu finden. Heine sagte selbst kurz vor seinem Tod: "Ich bin kein lebensfreudiger, etwas wohlbeleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener herablächelte - ich bin jetzt nur ein armer todkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch!"

"Ich mache keinen Hehl aus meinem Judentum, zu dem ich nicht zurückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen hatte. Ich habe mich nicht laufen lassen aus Haß auf das Judentum. Man muß glauben."

Heinrich Heine "Der Rabbi von Bacherach"

Für Liebhaber hier der komplette TextHeinrich Heines Lyrik kann nicht ohne die gesellschaftlichen Hintergründe und Voraussetzungen in Deutschland betrachtet werden. Durch seine journalistische Begabung und seine offene kritische Wortwahl wurde er als einer der ersten freien Autoren des 19. Jahrhunderts mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert.1854 formuliert Heine selbstbewusst:

"Mit mir ist die alte lyrische Schule der Deutschen geschlossen, während zugleich die neue Schule, die moderne deutsche Lyrik, von mir geöffnet ward."

Der "Rabbi von Bacherach" gehört zu den Jugendwerken Heines und weist schon in sehr starkem Maße Heines heiter-satirische Tonart und scharfe Kontraste auf. Das Prosastück wurde als "zeitgemäße Materialzutat" (Brief an Campe, 28.3.1840) dem vierten Band seines "Salons" beigefügt und erschien in diesem Zusammenhang 1840 als Romanfragment in 3 Kapiteln.

Historische Hintergründe
Durch Heines Mitarbeit im Berliner "Verein für Kultur und Wissenschaften der Juden" (1822/23) wurde er mit Fragen der jüdischen Leidensgeschichte und der Judenemanzipation vertraut gemacht. Er hatte die Ziele des Vereins von ganzem Herzen unterstützt und somit entstand der Plan zum "Rabbi". Dieses Werk sollte dem ursprünglichen Konzept, der Lebensgeschichte eines glaubensstarken jüdischen Märtyrers in den Judenverfolgungen des ausgehenden Mittelalters entsprechen. Erste Arbeiten entstanden schon 1824 in Göttingen. Heine betrieb dahingehend ein intensives Quellenstudium, wobei sich die ursprüngliche Novellenkonzeption bald als zu begrenzt erwies und deshalb dem Versuch eines historischen Romans wich.

Die Plünderung - der Judengasse in Frankfurt 1614.aus: Johann Ludwig Gottfried, Chronica, kolorierter Kupferstich von Matthäus Merian, Frankfurt 1619; neukoloriert

Ich treibe viel Chronikenstudium, und ganz besonders viel historia judaica (jüdische Geschichte). Letzteres wegen der Berührung mit dem "Rabbi", und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere; eine Fülle von Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und dieses geistige Rüstzeug wird mir gewiß in der Folge sehr zustatten kommen. An meinem "Rabbi" habe ich erst ein Drittel geschrieben, und Gott weiß, ob ich ihn bald und gut vollende."

Doch die Arbeit ging, durch die Sprödigkeit des Stoffes und des Zweifels am eigenen Erzähltalent nur sehr langsam voran und wurde Ende 1825 sogar abgebrochen.
Die Vollendung des Romans wurde in der Folge durch berufliche Sorgen, die Konversion zum Protestantismus, den Umzug nach Paris, das immer stärkere Engagement für politische Tagesfragen und die wachsende Distanz zu den Ideen des Kulturvereins immer wieder verhindert.

"Die Arbeit schreitet nur langsam vorwärts, jede Zeile wird abgekämpft, doch drängt's mich unverdrossen weiter, indem ich das Bewußtsein in mir trage, daß nur ich dieses Buch schreiben kann, und daß das Schreiben desselben eine nützliche gottgefällige Handlung ist."

Als es 1840 in Damaskus, zur Zeit des Pessachfestes zu Judenpogromen kommt, hervorgerufen durch einen angeblichen Ritualmord, nimmt Heine die Arbeit am "Rabbi von Bacherach" wieder auf und überarbeitet das Manuskript. Während der Arbeit änderte sich allerdings das Gesamtkonzept. Das Lebensbild eines jüdischen Heiligen trat mehr und mehr zurück und die Problematik des mittelalterlichen und modernen Judentums wurde zum Hauptliegen des Dichters. Die Erfahrungen mit dem "Verein", seine eigene Haltung zum Judentum und die Konversion zum Christentum flossen mehr und mehr in den Roman ein. Eine Zeitlang wollte Heine den "Rabbi" als Bruchstück in den zweiten Band der "Reisebilder" aufnehmen, unterließ es aber letztendlich auf Grund der Warnung eines Freundes. Ursprünglich wollte Heine sein Werk in späteren Jahren vollenden, aber da ein großer Teil seines Manuskripts 1833 im Haus seiner Mutter in Hamburg verbrannte, veröffentlichte er 1840 lediglich die vorliegenden drei Kapitel. Deshalb wurden dem dritten Kapitel die Worte: "Der Schluß und die folgenden Kapitel sind ohne Verschulden des Autors verlorengegangen." angefügt.

Inhaltliche Zusammenfassung der Kapitel

Erstes Kapitel
Das erste Kapitel stellt eine düstere und passionsartige Einführung dar. In breitem und chronikalem Stil wird die negative Entwicklung der Stadt Bacherach verdeutlicht, indem der starke Gegensatz zwischen der aufblühenden Stadt in der Vergangenheit und dem verfallenen Zustand in der Gegenwart geschildert wird. Heine geht nun genauer auf die Judenverfolgungen im 14. Jahrhundert ein, welche durch den Vorwurf der Brunnenvergiftung und der Ritualmordlegende immer wieder ausbrechen. Dann verengt sich der Blickwinkel und die Handlung beansprucht weniger als einen Tag. Beim idyllisch geschilderten Pessachfest der kleinen Judengemeinde von Bacherach am Rhein, schmuggeln zwei Angehörige einer christlichen Bruderschaft eine Kinderleiche in das Haus des Rabbi Abraham, um die Juden des Ritualmordes zu bezichtigen.

Volkstümliche Darstellung - eines Seder Mahls . Aquarellierte Tuschfederzeichnung, Westukraine, 19. Jh.


Ein alter Stich der Stadt Bacherach - Zu sehen ist eine Stadtansicht in einer kahlen Landschaft. Die Ufer des Rheins mussten für die Treidelpfade offengehalten werden und was neben den Weinstöcken in den steilen Felshängen wuchs, wurde für den Hausbrand geschlagen.


Als der Rabbi, ein gelehrter und gebildeter Mann, die Leiche entdeckt, verlässt er in seinem Entsetzen mit seiner Frau Sara heimlich den Heimatort, um nach Frankfurt a.M. zu fliehen. Seine Verwandten und Freunde klärt er nicht über diese Tatsache auf und bringt diese somit in große Lebensgefahr. Die große Angst der Beiden verdeutlicht Heine durch Formulierungen, wie: "leichenhaft dufteten die Bäume", "schadenfroh und zugleich beängstigt zwitscherten die Vögel" und "der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter". Diese gefahrvolle, beängstigende Stimmung wird aufgelöst, indem Heine, durch Märchenbezug ("der alte, gutherzige Vater Rhein") und die Schilderung von Kindheitserlebnissen Saras, idyllische Bilder entstehen lässt. Mit einem Boot den Rhein aufwärts fahrend, gelingt es dem Rabbi und seiner Frau, dem Tod zu entrinnen.

Zweites Kapitel
Angekommen in Frankfurt, erleben die beiden Flüchtlinge ein geschäftiges Treiben zur Ostermesse. Begrüßt von den "Strahlen der Sonne" und "freudiger Sicherheit" sammeln der Rabbi und seine Frau erste Eindrücke in der Stadt Frankfurt mit all ihren Attraktionen und Menschen. Auf ironische Art und Weise werden einzelne soziale Stände vorgestellt, wobei auch vor Prostituierten kein Halt gemacht wird. Dem Rabbi und seiner Frau werden Schicksale und Folterungen von Juden berichtet. Durch detaillierte Personenbeschreibungen gewinnt der Inhalt an großer Bildhaftigkeit. In der Synagoge des Judenquartiers feiern die Beiden ihre Errettung. Hier erfährt der Rabbi, daß die ganze jüdische Gemeinde Bacherachs von den beiden Christen, die das Haus des Rabbis besuchten, niedergemacht wurde.

Jüdische Tuchhändlerin - im 19. Jhd.

Doch diese düstere Seite der Erzählung wird durch parodistisch-satirische Züge aufgehellt. Schon die beiden jüdischen Ghettowächter Nasenstern und Jäckel der Narr, verschieben die Erzählung eher ins Lächerliche, da sie die beiden Flüchtlinge erst nach langem Gerede ins Ghetto hinein lassen. Die stark ausgeprägte Ironie in Heines Erzählstil kommt noch stärker zum tragen, als er die reichen, eitlen und klatschsüchtigen Jüdinnen auf der Frauenempore der Synagoge karikiert. Das zweite Kapitel endet mit einem Ohnmachtsanfall Saras, hervorgerufen durch das Aufleben der schrecklichen Ereignisse des vergangenen Abends.

Drittes Kapitel
Das dritte Kapitel ist vollends in dieser heiter-satirischen Tonart geschrieben. Sara und Abraham treffen nach dem Gottesdienst den zum Christentum konvertierten spanischen Ritter Don Isaak Abarbanel, einen Jugendfreund des Rabbi aus den gemeinsamen Studienjahren in Spanien, wo damals ein assimiliertes Judentum blühte. Nach anfänglichen Missverständnissen nimmt die harmonisch, witzige Handlung ihren Lauf. Den sinnenfreudigen Don Isaak hat die hochgerühmte Garküche der Schnapper-Elle ins Ghetto gelockt, obwohl er dem jüdischen Glauben nach seiner Konversion eher ablehnend gegenüber steht. Trotzdem erinnert er sich gern an vergangene Zeiten. Mit übertriebenen Komplimenten macht er der Köchin den Hof. Der Kontrast zum ersten Kapitel, das eher wie ein düsteres Märtyrerlied angelegt war, findet in dieser Szene seinen Höhepunkt. Hier endet die Handlung abrupt. Die Entwicklung der Geschehnisse um den Rabbi und seine Frau bleiben offen.

Bedeutung des "Rabbi von Bacherach"
In diesem Prosastück schildert Heine die vielgefächerten Schicksale und Eigenarten der jüdischen Kultur. In 3 Kapiteln wird dem Leser ein grober Überblick über die Entwicklung des jüdischen Lebens vermittelt. Heine verarbeitet eigene Erfahrungen, wie zum Beispiel seine Konversion zum Christentum, und gibt eigene Eindrücke, ähnlich einer Reportage, subjektiv ausgeschmückt, wider. Es werden Natur- und Landschaftsbilder bzw. lyrische Stimmungsbilder mit Gesellschaftssatire verbunden und somit einprägender für den Leser gestaltet. Durch Heines montageartige Schreibtechnik kommt es zur Vermittlung von historischen, topographischen und gesellschaftspolitischen Fakten. Der Leser soll aktiviert werden, nicht nur Positives aufzufassen, sondern die Hintergründe kritisch zu betrachten, denn trotz der Weltoffenheit der Handelsstadt Frankfurt müssen die Juden im Ghetto in Druck und Angst leben. In den gebrochenen närrischen Charakteren der Ghettobewohner zeigt sich die Ausweglosigkeit ihrer Situation, resultierend aus Verdächtigungen und Pogromen.

verfasst von: Katja Pfeiffer


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