Eine Reihe von seinen Modellen waren emanzipierte Juden. In seinen Bildnissen deutete er ihre Verletzlichkeit, ihre Wurzellosigkeit und auch ihre Anonymität an. Er versuchte immer in die Seelen der Menschen zu blicken, und sagte über sich selbst er sei ein " psychologischer Dosenöffner", um diesem Aspekt noch einmal näher zu verdeutlichen. Es wird auch berichtet, dass einige Kunden Kokoschkas es ablehnten ihre Porträts zu kaufen, oder sich eine sehr lange Zeit davon distanzierten, mit der Begründung sie sehen sich nicht ähnlich oder grausam aus. Einige waren sogar der Ansicht dieses Porträt würde sie älter machen, und es gibt Berichte, wo die Bilder den Eigentümern nach langer Zeit immer ähnlicher wurden. Auch zu späteren Zeitpunkten malte Kokoschka lange Oberlippen und ein ausgeprägtes Kinn, was darauf schließen lässt, dass diese Werke ihm immer näher kamen in Hinblick auf sein Äußeres. Dazu meinte er: "Ich kann nicht jedermann malen, sondern nur Leute, die dieselbe Antenne haben wie ich...... bestimmte Leute zu denen ich eine Ähnlichkeit entdecke - mit einer Facette meines eigenen Wesens." Doch im Jahre 1911 war sein künstlerisches Schaffen einem Wandel unterzogen, der wahrscheinlich eine Folge seiner Kontakte mit der kosmopolitischen Kunstszene in Berlin war, wo er einen großen Teil des vorangegangenen Jahres verlebte. Der Wandel machte sich in seinen Porträt in dem Sinne bemerkbar, dass die Subjekte plastischer wirkten und die fast transparenten Gesichter nun durch ein neues Farb- sowie Pinselgefühl wiedergegeben werden. Auch das Verändern der früher so scharfen Umrisslinien in ein Aufweichen dieser ist deutlich zu erkennen, wie in dem "Bildnis von Egon Wellez" von 1911.
Ein sehr starker Unterschied dazu ist das "Bildnis von Lotte Franzos" 1909, wo man die scharfen Umrisse deutlich erkennen kann. 1909 nahm Kokoschka an der Internationalen Kunstschau teil, wo sein Werk "Mörder, Hoffnungen der Frauen" ausgestellt wurde. Eine weitere Ausstellung folgte 1912 in der Galerie " Der Sturm".
Eine weitere wichtige Etappe seines künstlerischen Schaffens ist das Selbstbildnis " Mann mit Puppe" von 1922. Diese Puppe gleicht Alma Makler in jeglicher Sicht. Er selbst überwachte die Anfertigung dieser lebensgroßen Puppe. Seine Anforderung wurde durch anatomische Zeichnungen und Diagrammen illustriert. Es gibt viele Gerüchte darüber, was Kokoschka mit seiner "Geliebten" alles anstellte, klar ist allerdings, dass sie als Modell für einige Bilder stand, wie z. B. "Frau in Blau".
Sein Statement zu dieser Puppe ist, dass er die Brutalität und Zerstörung der Menschheit nicht mehr ertragen konnte. So reagierte er auf seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg. In dieser Zeit fanden auch einige Ausstellungen seiner Werke statt und das nicht nur in deutschen Städten, sondern auch in Zürich, Amsterdam, London und Paris. Bei seinen Reisen zog es Kokoschka so oft wie möglich vor, von einem höheren gelegenen Aussichtspunkt auf sein Motiv herabzublicken, um die größtmöglichste Weite und Entfernung zu erreichen. Er betrachtete seine Motive aus zwei Sehwinkeln, "so dass sich ein doppelt weiten Blick erhielt".
So konnte er Landschaften völlig neu zeichnen und in seinen Städtedarstellungen wurde deutlich, dass er dem Barock verpflichtet war. Gerade Linien werden zu Kurven und das gesamte Bildnis scheint lebendig zu sein, so wachsen, atmen und bewegen sich sogar Gebäude in seinen Werken.
Kokoschka selbst meinte: "Er wollte für den Betrachter so interessant sein wie ein Buch... Er sollte hier und dort neue Nebensächlichkeiten entdecken. Seine Augen sollten zu einem Spaziergang über das Bild verführt werden". Bei seiner Methode änderte sich einiges. Die Ölfarbe wurde nun nicht gleich aus der Tube verwendet, sondern mit Terpentin gemischt, was eine transparentere Oberfläche hervorbringt. Auch die Linie kehrt in seinen Werken zurück. In den nächsten Jahren siedelte Kokoschka nach Paris um, wo er im März 1931 eine Einzelausstellung in den Galerien von Georges Petit zeigen konnte. Sie wurde sehr positiv aufgenommen.
Im selben Jahr fuhr er nach Wien, um den 70. Geburtstag seiner Mutter zu feiern. Dort wurden seine politischen Aktivitäten geweckt, als er für den sozialistischen Stadtrat des "Roten Wiens" damit beauftragt wurde ein Bild zu malen, was an prominenter Stelle im Rathaus aufgehängt werden sollte. Das Thema war das Schloss Wilhelminenberg. Dies wurde gekauft, um Kinderheime zu errichten. Von den Kindern inspiriert schuf er dieses Werk.
Kokoschka war der Ansicht, dass Hören, Sehen, der Geschmack, Tast und Gehörsinn nicht nur Mittel der erfreulichen und unerfreulichen Wahrnehmungen sind, sondern auch die Mittel zum Erlangen von Wissen sind. Dieser Aspekt könnte erklären, warum er seine Schule später "Schule des Sehens " nannte. Sie wurde in Salzburg errichtet, und sollte die Studenten von Vorurteilen und Vorstellungen aus zweiter Hand befreien. Sie wurden beim Zeichnen dazu angeregt, nicht eine detaillierte Aktstudie anzufertigen, sondern den lebendigen, vergänglichen Augenblick einzufangen.
Durch die Ereignisse in Deutschland in der Nazi-Zeit wurde Kokoschka dazu bewegt nach Prag zu reisen. Er verliebte sich in die Stadt und machte sie oft zu Mittelpunkte in seinen Werken, die als politische Glaubensbekenntnisse angesehen werden können. Später erfuhr er, dass acht Werke von ihm Bestandteil der berüchtigten Nazi-Ausstellung "Entartete Kunst" in München waren. Darauf reagierte er mit Änderungen an seinem Selbstbildnis, in dem er die Haltung der Arme so veränderte, dass sie sich kreuzten und im Hintergrund fügte er eine laufende Figur und einen Hirsch hinzu, die Flucht und Verfolgung darstellen sollen - der Künstler als Gejagter. Nach einiger Zeit siedelte er mit seiner Geliebten nach London um, doch dort sollte er wegen seiner Nähe zu Deutschland mit seinen künstlerischen Werken nicht so richtig Fuß fassen können. Er machte eine Ausstellung namens " Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert" in New Burlington Galleries in London. Es gab nicht viele Menschen, die die Ausstellung besuchten, denn die meisten hatten große Vorurteile gegenüber der deutschen Kunst.
Er zog dann an die Küste Cornwells um, wo es dann allerdings ab 1940 verboten war sich aufzuhalten. Es war das Fotografieren, Skizzieren, Malen von Sperrgebieten verboten und so wandte sich Kokoschka dem Aquarell zu. So schuf er zarte Stillleben von Blumen, mit denen er eine symbolische Verbindung zur Natur aufrecht erhalten konnte, bis er sich wieder den Landschaften in freier Umgebung zuwenden konnte.
Zwischen den Jahren 1939- 1943 widmete Kokoschka sich den ironischen Darstellungen des Krieges. Das letzte dieser Bilder "Wofür wir kämpfen" 1942/43 zeigt uns die Folgen des Krieges - Krankheit, Verkrüppellungen, Armut, Hunger und nichtshelfende Maschinen auf. In diesen Jahren schuf er auch das Werk " Das rote Ei " 1940/41, wo er sich auf eine Satire von 1805 stützt, in der Napoleon und Pitt als raffgierige Menschen dargestellt werden, wie sie die Welt unter sich aufteilen. 1941 wollte Kokoschka dieses Bild als Plakat produzieren, um damit eine Hilfsaktion für die Rote Armee zu starten und den Druck zu Gunsten der Soldaten verkaufen. 1945 ergab sich eine Chance, als er ein Bildnis vom barockem Christus drucken lässt, der einer Satire von Matthias Braun auf der Karlsbrücke nachempfunden ist- Christus beugt sich vom Kreuz herab, um flehende Kinder zu trösten. Auf dem Querbalken steht geschrieben": Im Gedenken an die Kinder Europas, die an diesem Weihnachtsfest erfrieren und verhungern müssen." Hier erkennt man deutlich die Kritik, die Kokoschka an die Öffentlichkeit tragen möchte. Über 1000, manche behaupten 50 000 Exemplare werden in der Londoner U- Bahn und in Bussen im Dezember 1945 aufgehängt.
Im Frühjahr 1947 hatte Kokoschka seine erste Ausstellung nach dem Krieg in Basel. Ihr gewaltiger Erfolg war ein Wendepunkt in seinem Leben. Sie gab ihn seine Lebensfreude, den Glauben an die Menschheit und die Hoffnung in die Zukunft zurück.
verfasst von: Norma Polter
Quellen: Richard Calvocoressi " KOKOSCHKA" Verlag Aurel Bongers Recklinghausen , erschienen 1992 |