Gotthold
Ephraim Lessing
Nathan der Weise – Einführungsessay von Philipp Thiele
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Nathan als exemplarischer Fall Religionsproblematik
Zensurfreiheit Historischer Hintergrund Ringparabel
„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den
einzig immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und
ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche: Wähle! ich fiele ihm in
Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch
nur für dich allein.“
Diese
philosophisch-theologische Streitschrift Lessings, erschienen in „Eine
Duplik“ (1778), zeigt seinen Standpunkt gegenüber religiösen Wahrheiten und
Dogmen, einem hochbrisanten Thema zu seiner Zeit. Diese „Duplik“, einschließlich
einer anderen von ihm verfassten Streitschrift, der „Anti-Goeze“ (ebenfalls
1778), sollte letzten Endes die Entstehung eines „Trauerspiels in fünf
Akten“ begünstigen, welches bei vielen seiner Anhänger auf große
Begeisterung stieß, zumal „Nathan der Weise“ in Lessings letzten
Lebensjahren entstand.
„Diese Welt aber, die echte Liebe so überstrahlt wie reife Weisheit,
hat Lessing in den schwersten Nöten geschaffen, in der eigenen Brust schon die
Todeskrankheit, gebrochen durch den Tod seiner lieben Frau, von Sorge um das tägliche
Brot so geplagt, dass er über die Subskription auf sein dramatisches Gedicht
schrieb, Vielleicht sei das Pferd schon verhungert, ehe der Hafer reif
geworden sei.
Aus so großem Elend rang sich der hohe Geist Lessings zu heiterer
Naivität empor [...]“
Dieses
Stück war eine erbitterte Reaktion Lessings darauf, dass das Braunschweiger
Ministerium und der Herzog Carl von Braunschweig „Veröffentlichungen
theologischer Art“ - insbesondere gegen die lutherisch-orthodoxe Kirche und
Goeze, verbat und damit auch die Lessing gewährte Zensurfreiheit
vom 13. Juli 1778 wieder aufhob.
Lessing
jedoch, weit davon entfernt aufzugeben, schrieb am 11. August 1778 an seinen
Bruder: „[...] Wenn Du und Moses[1]
es für gut finden, so will ich das
Ding auf Subskription drucken lassen... Ich
möchte zwar nicht gern, dass der eigentliche Inhalt meines anzukündigenden Stückes
allzu früh bekannt würde; aber doch, wenn Du oder Moses, ihn wissen wollt, so schlagt das
‚Decamerone’ des Boccaccio Giornata I., Nov. III. Melchisedech Giudeo.
Ich glaube, eine sehr interessante Episode dazu erfunden zu haben, dass
sich alles sehr gut soll lesen lassen, und ich gewiss den Theologen einen ärgern
Possen damit spielen will, als noch mit zehn Fragmenten.
Schon
knapp zwei Monate später, also Anfang November, war der Entwurf des
„Nathan“ fertig und am 19. 11. 1778 begann er damit, den ersten Akt in Verse
umzuarbeiten, sodass das Werk im schon Mai 1779 gedruckt vorlag.
Die
Ringparabel an sich übernahm Lessing aus Boccaccios
Decamerone’, wenn er auch einiges hinzufügte. Trotz dieser Besonderheit verlässt
Lessing jedoch seine alte Linie des „rührenden Lustspiels“ und des „bürgerlichen
Trauerspiels“ nicht völlig. Es bildet im „Nathan“ ähnlich wie bei
„Miss Sara Sampson“ eine Familiengeschichte die Handlung, es wird sogar die
in „Miss Sara Sampson“ angeführte Idee der „idealen Menschenfamilie“
wieder aufgegriffen, weitergeführt und auf die gesamte Menschheit bezogen, also
parabolisch auf alle Nationen, Religionen und Städte erweitert. Der
Zuwachs an Selbstständigkeit des Menschen ist im Hinblick auf Lessings
vorherige Werke, so „Sara“ oder „Emilia“, ebenfalls eine Neuerung; was
sich im aktiven Einsatz für die „Realisierung der humanistischen Ideale“
der Dramengestalten, insbesondere bei Nathan selbst, niederschlägt.
Trotz
so vieler Veränderungen an der Form seines Dramas im Bezug auf die vorherigen
Dramen setzt er in der Figurengestaltung die Tradition seines Dramenschaffens
fort.
Die
Figur des Nathan, in der äußeren Handlung als rechtschaffender jüdischer
Bewohner Jerusalems dargestellt, ist vielschichtiger und differenzierter als
andere positive Gestalten, welche Lessing in seinen frühen Stücken entworfen
hat. Er ist aufklärerisches Ideal und das Leitbild der Menschheitsentwicklung,
im Sinne Diderots auch noch Vertreter eines Standes, er ist Kaufmann mit
„vielen Einzelzügen, die diesen Stand kenntlich machen“, außerdem ist er
ein menschliches Individuum mit Empfindungen und Auffassungen, welche auch denen
des Autors entsprechen können. Wie Lessings Minna ist auch Nathan Erzieher und
gestalterisches Ideal zugleich, doch im Gegensatz zu Minna, welche schon als
„fertige Persönlichkeit“ auftritt, entwickelt sich Nathan während des Stückes
zu einer idealen Haltung.
Nathan
ist weise. Seine echte Weisheit muss sich gegen das intolerante Denken des
Patriarchen, gegen die Engstirnigkeit und den autoritären Glauben des
Tempelherren und gegen die ‚Bauernschläue’ des Saladin behaupten und
durchsetzen, was die Rolle des Nathan auch so schwer macht - immer ruhig und
gelassen, das Gute im Gegenüber suchend und (weise) findend, bildet er einen
ruhenden Pol - im Gegensatz zu den anderen Personen, welche die Handlung
vorantreiben, doch in der Schlussszene wird er alle Fäden in der Hand
halten.
Aus
dieser tiefmenschlichen Weisheit entwickelt sich seine teilweise schon
unglaubhafte Güte. So nimmt er Recha auf, obwohl seine eigene Familie wenige
Tage vorher von Christen bei einem „Judenprogrom“ getötet wurde und erzieht
sie „fern von jeder Buchweisheit“, im Sinne der Vernunft.
Seiner
Weisheit entspringt auch seine Ablehnung zu jeglichen nationalen Vorurteilen und
seine tiefe Menschenkenntnis. Erzeigt dies, indem er sagt (2. Akt, 5. Szene):
Ich weiß, wie gute Menschen denken, weiß,
Dass alle Länder gute Menschen tragen.
So
ist Nathan eigentlich kein Jude im orthodoxen Sinne und schon gar kein Mensch
des 12. Jahrhunderts, er ist eher ein „Kind des 18. Jahrhunderts“ mit
den Gedanken seines Schöpfers.
So
könnte man mit viel größerem Recht behaupten: „Nathan ist Lessing“.
Den
Tempelherrn gestaltete Lessing als einen von seinen inneren Widersprüchen
zerrissenen Menschen. Er ist überzeugter Christ und streitet für seinen
Glauben. Er sieht auf die Anhänger anderer Religionen, insbesondere auf die
Juden, herab. Nathan kann diesen „Fels“, von welchem nur „die Schale
bitter ist, nicht der Kern“ (2. Akt, 5. Szene) durch seine Weisheit und Güte
von einer abweisend -intoleranten zu einer verstehend -menschlichen Haltung
wandeln, indem er des Templers Gesinnung und dessen Charakter versucht zu ergründen.
Die
einzig gänzlich negativ gestaltete Figur im „Nathan“ ist der Patriarch. Er
wird intolerant und dogmatisch dargestellt, sodass er unmenschlich und
unchristlich wirkt. In ihm hat Lessing alle Züge eines kirchlichen Orthodoxen
verkörpert: Rechthaberei, Engstirnigkeit, Hochmut und Intoleranz. Mit dieser
Figur beweist er, wie eine religiöse Idee in ihr Gegenteil umschlagen kann,
wenn sie nicht „von der Liebe zu den Menschen und von der Sorge um ihr
Wohlergehen getragen“ wird (4. Akt, 2. Szene):
Tut nichts! Der Jude wird verbrannt! – Denn besser,
Es wäre im Elend umgekommen,
Als dass zu seinem ewigen Verderben,
Es so gerettet ward.
In
ihm findet die „hohe Obrigkeit“ einen getreuen Verbündeten, der bestrebt
ist, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse vor dem Umsturz zu schützen,
sodass er eine „Ähnlichkeit“ mit Goeze aufweist (4. Akt, 2. Szene):
Auch mach` ich ihm gar leicht begreiflich, wie
Gefährlich selber für den Staat es ist,
Nichts glauben! Alle bürgerlichen Bande
Sind aufgelöst, sind zerrissen, wenn
Der Mensch nichts glauben darf...
Neben
diesen glänzenden Gestalten (insbesondere Nathan) gestaltete Lessing die
anderen Gestalten mehr oder weniger farblos. So wird der Sultan als wohltätiger,
in verschiedenen Beziehungen jedoch als haltlos dargestellt, dem vielerlei
Mittel recht sind, um an Geld zu gelangen. Sein historisches „Vorbild“ ist
der Sultan Saladin Jusuf Ebu Egub
von Ägypten, welcher von 1171 bis 1193 regierte. Aufgrund dieser Tatsache
konnte ihn Lessing nicht nach belieben gestalten, weswegen er teilweise recht
einfach gestaltet wirkt.
Der
Klosterbruder, als einfältiger aber liebenswürdiger Mensch dargestellt, war
ehemals Reitknecht im Heer der Kreutzfahrer. Er verkörpert jene Christen, die
sich, obwohl sie sich an Unterordnung und Gehorsam gewöhnt, einen gesundes
Urteilsvermögen
bewahrt haben, welche auch alles in ihrer Macht stehende tun, um Unheil
abzuwenden.
Die
drei Frauen Recha, Daja und Sittah haben kaum Einfluss auf das Geschehen und
halten sich das gesamte Drama über im Hintergrund, obwohl sie die Handlung
aktiv nach vorn treiben.
Dem
Juden Nathan, in Jerusalem „der Weise“ genannt, wird bei seiner Wiederkehr
von einer Reise berichtet, dass seine Tochter Recha bei einem Haare verbrannt wäre,
hätte sie nicht ein von Saladin wunderbarer Weise begnadigter Tempelritter aus
den Flammen gerettet.
Die
Exposition des Dramas nennt den Ort und die Zeit der Handlung (Jerusalem, den
Schmelztiegel der Weltreligionen zur Zeit der Kreuzzüge). Die wichtigsten
Personen werden eingeführt und ein entscheidendes Thema wird aufgestellt,
welches die Dynamik im Drama gewährleistet und sich selbst immer wieder zu
erkennen gibt: Der (berechtigte) Zweifel Dajas, der Erzieherin Rechas, ob Recha
die rechtmäßige Tochter Nathans sei.
Nachdem
der Templer schroff all ihre und Dajas Dankesversuche abgewiesen hatte und sogar
für einige Zeit verschwunden scheint, beginnt die schwärmerische Recha,
angeregt durch den weißen Mantel ihres Retters, zu glauben, ein Engel habe sie
gerettet. Nathan jedoch ist fest entschlossen, seiner Tochter das Schwärmen,
„was den Geist trübt, statt ihn zu schärfen“, austreiben (1. Akt, 2.
Szene):
NATHAN:
[...]- Meiner Recha wär
Es Wunders nicht genug, dass sie ein Mensch
Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder!
Denn wer hat schon gehört, dass Saladin
Je eines Tempelherrn verschont? dass je
Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
Verlangt? gehofft? ihm für seine
Freiheit
Mehr als den ledern Gurt geboten, der
Sein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch?
Da
Recha auch trotz Dajas Bestätigung, dass der Tempelherraufgrund der hohen Ähnlichkeit
zu des Sultans verschollenem Bruder begnadigt wurde, nicht von der Wahrheit überzeugt
werden kann, versetzt Nathan seine Tochter bewusst in Angst und Sorge um ihren
Retter, der ja krank oder vielleicht auch schon tot sein könne, weil sie ihm in
ihrem „undankbaren Wunderglauben“ die nötige Hilfe versagt habe (1. Akt, 2.
Szene):
NATHAN:
[...] Recha! Recha!
Es ist Arznei, nicht Gift, was ich
dir reiche.
Er lebt! – komm zu dir! – ist wohl auch nicht krank;
Nicht einmal krank!
RECHA:
Gewiss? – nicht tot? – nicht krank?
NATHAN:
Gewiss, nicht tot! – Denn Gott lohnt Gutes, hier
Getan, auch hier noch. – Geh! –Begreifst du aber,
Wie viel andächtig schwärmen leichter als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
Andächtig schwärmt, um nur – ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst –
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?
RECHA: Ah,
Mein Vater! lasst, lasst Eure Recha doch
Nie wiederum allein! – Nicht war, er kann
Auch wohl verreist nur sein? – [...]