Gotthold Ephraim Lessings  "Nathan der Weise“    

 

             Aufführungen – aus einem Traum wird Wirklichkeit

 

Inhaltsverzeichnis

1. Entstehung des Dramas

2. „Nathan der Weise“ – erste Bühnenerfahrungen

3. Weitere Entwicklung des Dramas

4. Die Wiederauferstehung des Nathan

5. Von klein auf gut

6. „Nathan der Weise“ und die Bühne der Gegenwart

7. Lob und Kritik

 

1. Entstehung des Dramas

Der Grund für die Idee zu „Nathan der Weise“ und sicherlich auch Ursache für dessen lange Entstehung ist bereits in dem sogenannten Fragmentesstreit zu erkennen. Dieser entbrennt  im Jahre 1777 zwischen Lessing und dem orthodoxen Hamburger Hauptpastor Melchoir Goeze und setzt sich bis ins Jahr 1778 fort. Bei dieser Auseinandersetzung, die hauptsächlich schriftlich stattfindet, handelt es sich vor allem um die Frage nach dem wahren und einzig richtigen Glauben. Die Antwort Lessings auf diese Frage erregt jedoch äußersten Widerstand auf Seiten der orthodoxen Kirche, so dass diese eine „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ durch die von ihm herausgegebenen „Fragmente eines Unbekannten“ befürchten.

Am 13.Juli 1778 kommt es zur Zensurverhängung von Lessings Schriften gegen Goeze, sowie mit religionskritischem Inhalt. Um diese Zensur zu umgehen, wendet er sich erneut dem Theater zu.

Als Fortsetzung dieser Auseinandersetzung entsteht schließlich 1778 „Nathan der Weise“.

Das „dramatische Gedicht“ erscheint zur im Mai 1779 stattfindenden Leipziger Ostermesse und noch im selben Jahr werden zwei weitere Auflagen gedruckt!

 

2. „Nathan der Weise“ – erste Bühnenerfahrungen

Eine Aufführung erlebte das Stück zu Lebzeiten Lessings nicht.

Auch Lessing selbst zweifelte daran, dass sein „Nathan der Weise“ auf deutschen Bühnen gespielt werden würde und äußerte sich somit skeptisch über die Wirkung des Stückes und jegliche Möglichkeit einer Aufführung!

Dennoch kam es am 14.04.1783 zur Uraufführung von „Nathan der Weise“ im Berliner Theater in der Behrenstrasse. Diese erste Aufführung endete jedoch als großer Misserfolg und somit dauerte es fast zwei Jahrzehnte bis die literarische Qualität und die Brisanz der Botschaft (im Vordergrund die Kritik an der Intoleranz des Christentums) dieses Textes erkannt wurde.

Erst im Jahre 1801 fanden die ersten erfolgreichen Aufführungen in Magdeburg und Weimar statt.

So gelangte das Werk 1801 in Weimar, in der Bearbeitung von Friedrich Schiller, auf die Bühne, fand zunächst zwar nur gedämpften Beifall und gehört dennoch seitdem zum festen Repertoire deutscher Theater!

 

3. Weitere Entwicklung des Dramas

Im 19.Jahrhundert stieg es danach lediglich zur Schullektüre des liberalen Bildungsbürgertums auf, galt jedoch auch als Anschlag auf das Christentum und zog bereits früh antisemitische Ausfälle auf sich.

Des weiteren blieb es vorerst fern von jeglichen Aufführungen.

Während des „Dritten Reiches“ wurde der Nathan nur noch „totgeschwiegen“, um nach 1945 als „zeitgemäß supranationales Wiedergutmachungsstück“, vor allem in den 50er Jahren, eine „Wiederauferstehung“ auf der deutschen Bühne zu erleben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 war der deutsche Schriftsteller Wolfgang Borchert (1921-1947) zunächst im Kabarett tätig und wirkte als Regieassistent der Hamburger Schauspielbühnen u.a. auch bei einer weiteren Aufführung von „Nathan der Weise“ mit.

 

4. Die Wiederauferstehung des Nathan

Seit jener „Wiederauferstehung“ in den frühen 50er Jahren ist Lessings „Nathan der Weise“ auf deutschen Bühnen nicht mehr weg zudenken.

 

5. Von klein auf gut

 So wurde das Drama beispielsweise auch Ende der 60er Jahre (1969) von einer Schauspieltruppe des Schultheaters in der Judenburger Festhalle aufgeführt.

Das dargebotene Stück sorgte für viel Aufsehen und konnte sogar den kritischen Augen der lokalen und regionalen Presse standhalten.

Schlagzeilen, wie „Begeisterung für das Judenburger Studententheater und deren Nathan“, zeugten von offenkundiger Anerkennung und Lob.

Auch in den späten 70er Jahren nahm die Popularität der zahlreichen Aufführungen ihren lauf und zogen sich bis in die 80er Jahre hin.

1988 wurde „Nathan der Weise“ zum Beispiel von mehreren Tourneetheatern („Theater unterwegs – die INTHEGA – Reise) aufgeführt.

Einen besonderen Höhepunkt bieten die Inszenierungen der Ringparabel, die beispielsweise 1990 von einem Schultheater am „Ruhr-Gymnasiums Witten“ dargeboten wurde.

 

6. „Nathan der Weise“ und die Bühne der Gegenwart

 Die zahlreichen Inszenierungen des Nathan nehmen selbst in der heutigen Zeit noch bei weitem kein Ende.

Und so darf das Drama auch in der Theatersaison 2000/2001 beim Europäischen Kultursommer (2001) nicht fehlen.

Weiterhin wird es ebenfalls bei dem Internationalen Jugendtheater-Projekt 2001 der Evangelisch-Akademie in Mühlheim gezeigt.

 Für besonders erwähnenswert erachte ich aber vor allem die Aufführungen auf den größten Bühnen Deutschlands.

Im „Deutschen Staatstheater Temeswar“ („Teatrul German de Stat Timisoara“) steht „Nathan der Weise“ gleich zwei mal auf dem Spielplan des Monats

Oktober 2000

Im großen Theatersaal der IGS MÜHLBERG errang es im Oktober 2000 sogar drei Sondervorstellungen. Bei dem Besonderen handelt es sich hierbei vor allem um die Ausführungen in jeweils anderer Sprache:

° Arabisch (von Jugendlichen der Jewish-Arab Community Association Wolfson  Neighborhood in Akko-Israel)

° Deutsch (von Schülerinnen und Schülern der IGS Mühlberg in Hannover)

° Hebräisch (von Schülerinnen und Schülern der Tzafit High School in Kfar       Menachem-Israel)

 

Unter dem Patronat des Kiwanis Club Will bietet die Bühne 70 in der Wiler Tonhalle an ihrem 30.Geburtstag das anspruchsvolle Stück von Lessing: „Nathan der Weise“

Am Samstag, den 25.November 2000, startete in der Tonhalle die Aufführungsreihe dieses Theaterstückes von außerordentlicher Aktualität. Die Organisatoren hatten sich mit sechs Aufführungen, die letzte fand am 10.Dezember statt, auf ein großes Publikumsinteresse eingestellt und versprachen bereits im voraus:

 

„...Vielversprechende Inszenierung

Die Bühne 70 will mit ihrer Aufführung wiederum Akzente eigener Natur setzten. Mit Hannes Meier wirkt diesem Stück der Regisseur der ersten Jahre wieder mit. Die Inszenierung macht dem Stück alle Ehre, was den Auftritt der verschiedenen Darstellerinnen und Darsteller betrifft. Es ist durchaus ein Stück innerlicher Befreiung, wenn es dem Zuschauer gelingt, sich von seinen bisherigen Wertvorstellungen einmal zu lösen....“

 Anhand der Medien Liste Deutsch der Stadt Köln (media center) möchte ich nun zitieren, wie bzw. mit welchen Mitteln „Nathan der Weise“ (an diesem Beispiel) von dem Deutschen Theater Berlin szenisch umgesetzt wurde:

 Typ:42

Länge: 20 min (f)

Produktionsjahr: oooo

„...Der Film „Nathan der Weise“ (Deutsches Theater Berlin) konzentriert sich auf Schlüsselszenen des Dramas, die in Standbildern angehalten und kommentiert werden. Der verbindenden Inhaltsangabe folgt jeweils ein interpretatorisches Resümee, das zielstrebig den Toleranzgedanken heraus arbeitet. Die Religion steht im Mittelpunkt der Interpretation...“

 

7. Lob und Kritik

Nach all diesen Aufführungen, die seit den 50er Jahren vor allem von der deutschen Theaterwelt nicht wegzudenken sind, gab es verschiedene Meinungen über die einzelnen Darbietungen. Ob von positiv- oder negativ gestimmter Natur mag individuell bestimmt sein.

Als anregendes Beispiel möchte ich gern einige Ausschnitte aus einer Theaterkritik zu der Aufführung von „Nathan der Weise“, am Schauspielhaus Kiel, zitieren:

 

Fritz Groß inszeniert Lessings „Nathan der Weise“ am Schauspielhaus Kiel – Wie ein Mensch um Wahrheit ringt

„...Ein Schlußbild von schlichter Eindringlichkeit: Nathan steht allein auf der Bühne, in tiefe Nachdenklichkeit versunken. Alle anderen sind schon fort, beschäftigt mit Familienangelegenheiten...“

„...Diese Einsamkeit verweist darauf, warum Nathan der Weise, dieser eherne Klassiker von Gotthold Ephraim Lessing, heut noch auf die Bühne gehört...“

„Alles gesagt zum Thema Völkerverständigung, Religionskriege, Rassenhass und Toleranz, alles ist gesagt und – lehrt ein Blick auf die Welt – wenig getan...“

„...Lessings „dramatisches Gedicht“ auf der Bühne des Kieler Schauspielhauses als Lehrstück, als trockenes Thesentheater? Weit gefehlt. Freilich blickt der Zuschauer zu Beginn in einen leeren, starren Guckkasten – auch die gute alten Muschel über dem Soufflierkasten fehlt nicht – und vermeint, Bühnenbildner Peter A. Schulz habe hier die klassischer Dramentheorie zum marmornen Manifest gefügt. Freilich lassen die schlicht und grob gewirkten Gewänder von Ute Frühling befürchten, hier könnte eine steifleinene Rezitationsübung für fünffüßige Jamben abgehalten werden. Gewiss darf die Kieler Volksbühne, die mit dieser Inszenierung am Wochenende ihr 100jähriges Jubiläum feierte, eine ihrer schönsten Forderungen erfüllt sehen, dass nämlich ein Klassiker auch als Klassiker erkennbar sei. Und doch kommt alles anders...“

„...Das Maß aber für diese Aufführung setzt Rainer Jordan, das Maß für die Kunst, aus Lessings Text eine lebensvolle Gestalten zu gewinnen. Sein Nathan kann auf jedes Pathos verzichten. Statt der großen Posen führt uns Jordan eine ungekünstelte Einfachheit des Ausdrucks vor, eine direkt aus dem wunderbar gesprochenen Text geschöpfte Klarheit des Gedankens und Redlichkeit des Gefühls...“

„...Mit der Ringparabel wird kein klassischer Text salbungsvoll vorgeführt, hier offenbart sich, wie ein Mensch um Wahrheit ringt...“

„...Das Kieler Schauspielensemble wird von Fritz Groß auf die Höhe seiner Leistungsfähigkeit geführt. Und ohne grobe Aktualisierung wirkt der Klassiker

„Nathan der Weise“ brennend aktuell. Soweit es diese Selbstgänger bei Bildungsbürgern, Abonnenten und Schulklassen noch nötig hat: Ich kann ihn ohne Vorbehalt empfehlen...“

                                                                                                                  (Christoph Munk)

 

Literaturverzeichnis

1. Gotthold Ephraim Lessing: „Nathan der Weise“

Hamburger Lesehefte Verlag

2.  Walter Jens: „Kindlers Neues Literatur Lexikon“

Kindler Verlag GmbH

München  1988

3. Walther Killy: „Literatur Lexikon – Autoren und Werke deutscher Sprache“

Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH

Gütersloh/München  1990

 4. Wilfried Bütow: „Deutsch – Texte, Literatur, Medien“

Volk und Wissen GmbH

Berlin  1998